Ein Wunder angucken Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann
Susanne Kippenberger Tagesspiegel am 07.08.01; Seite 26 Die Zeiten, sie sind ja
nicht so. Mit der Konjunktur geht's bergab, mit den Schulden steil bergauf,
aber was soll's, würde meine Schwester Bine sagen, machen wir das Beste
draus. Da ist meine Schwester genau wie Lessing, der hat auch in allem
Schlechten noch was Gutes entdeckt. Darauf ist er richtig stolz gewesen,
stolzer, hat er mal gesagt, als auf alles, was er sonst so wusste und konnte.
Also, dachte ich, bald ist 13. August, mach ich's den beiden nach, guck ich
mal, ob die Mauer nicht auch was Gutes hinterlassen hat. Und: hat sie.
Ausgerechnet in der Bernauer Straße, wo der Schrecken am
größten war. Dort, wo die Kirche der Versöhnungsgemeinde einmal
unerreichbar auf dem Todesstreifen eingemauert stand, bis die DDR sie, vier
Jahre vor dem Mauerfall, noch sprengte ("zur Erhöhung von Sicherheit und
Sauberkeit"), dort, auf der wilden Wiese, steht jetzt eine der schönsten
Kirchen Berlins. Die Kapelle der Versöhnung wirkt so leicht, wie die
Mauer fest war, ein kleiner Bau aus Lamellen, Lehm und Licht, oval wie ein Ei.
Die helle Wandelhalle ist als Eiweiß konzipiert, der Innenraum als
dichtes Eigelb. So häßlich und laut die Umgebung ist, so schön
und still ist es hier drinnen. Ein Ort, in dem auch der Ungläubigste ganz
von alleine andächtig wird. Eigentlich hätten Reitermann und
Sassenroth, die beiden jungen Architekten, ja gerne mit Beton gebaut. Aber das
fand die Mauergemeinde nicht so geschmackvoll; sie wollte lieber Lehm. Dass der
Wunsch Wirklichkeit wurde, grenzt an ein Wunder, denn Lehm als tragendes
Element ist in der deutschen Bauvorschrift gar nicht vorgesehen, und das Ganze
dann auch noch für 1,9 Millionen Mark! (Zum Vergleich: 33 Millionen kostet
der neue Palast der Pinguine im Berliner Zoo.)
Ein Wunder, von Menschen gemacht - zu
verdanken Spendenfreudigen und freiwilligen Helfern aus ganz Europa, der
Kompromissbereitschaft von Architekten und Gemeinde, dem Know How der TU und
des Lehmbaumeisters Martin Rauch aus Tirol. Neu erstanden aus Ruinen: Oh,
Schlossnostalgiker, nehmt Euch ein Beispiel daran! Die kleine Kapelle
könnte ein Modell sein fürs große Berlin. Denn die Architekten
haben nicht versucht, etwas wiederaufzubauen, was einmal zerstört worden
ist - sie haben sich vor dem Alten verbeugt, sich ihm aber nicht gebeugt. Den
alten Grundriss haben die Architekten zwar mit dem Kirchplatz markiert, aber
nicht übernommen: Die neue Kapelle bietet den passenden, intimen Rahmen
für die geschrumpfte Gottesdienstgemeinde. Durch ein Fenster im Boden kann
man nicht nur Reste des Fundaments der gesprengten Kirche entdecken, sondern
auch Hohlblocksteine aus der ersten Phase des Mauerbaus, die alten Glocken
haben ein eigenes Haus gekriegt, draußen vor der Tür. Ein
Wunder. In der Bernauer Straße scheinen die zu Hause zu sein. Dort
heißt sogar eine Gärtnerei Wunder.