Christian Welsbacher in: db - deutsche bauzeitung; 135. Jahrg.; "Gotteshäuser" 11/2001; S. 70-75
Kapelle der Versöhnung an der Bernauer Straße, Berlin Architekten: Reitermann/Sassenroth Tragwerksplaner: Pichler Ingenieure
Die jüngste Geschichte Berlins prägt den Bau dieser kleinen Kapelle auf dem ehemaligen
Mauerstreifen. Darüber hinaus hebt sie sich durch ihre archaische Bauweise
hervor. Die Hülle und der Boden des ovalen Raumes sind nach alter
Tradition aus gestampftem Lehm hergestellt. Auf Luftbildern des leer
geräumten Berliner Mauerstreifens entlang der Bernauer Straße sind
zwei Trampelpfade zu erkennen. Der eine führt durch das
grasüberwucherte Gelände, parallel zum Betonspalier des
»Schutzwalls«, der zweite beschreibt einen Bogen und mündet
wieder in den ersten ein. Die eigentümliche Dopplung des Weges entstand
durch die Patrouillengänge der Grenztruppen, die gleichzeitig auch die
neugotische Versöhnungskirche umrunden mussten, die sich mitten im
Niemandsland erhob. Nachdem 1990 die Grenzanlagen eilfertig abgebaut
wurden, blieb nur die Vegetation als letztes Zeugnis der Geschichte. Im Ring um
die Stadt und im Zickzackkurs mitten durch ihr Gefüge zeichnet sich ein
hellgrünes Band junger Sträucher und Büsche ab. Auch an der
Bernauer Straße, links und rechts des verschwundenen Sakralbaus (1985
gesprengt), entstand eine zweite Mauer aus Natur: Kleine Bäume wuchsen auf
der westlichen Seite unter der Kante des Bollwerks. Bis heute weisen sie in
strenger Reihung auf den Grenzverlauf hin. Dieser lautlose, wertfreie
Kommentar der Natur wurde für die Gemeindemitglieder der
Versöhnungskirche zum Leitbild. Am Ort, der wie kein anderer Sinnbild
für ideologische Anmaßung politische Gewalt und deutsche Teilung
geworden ist in jenem Planquadrat in dem die fotografischen lkonen der
medialisierten Politikgeschichte entstanden schreckt man vor plakativen Gesten
zurück. Aus der Geschichte zu - lernen, dass sich Geschichte nicht
wiederholen dürfe, hieß folglich auch, sich gegen alle
hauptstädtischen Modetrends, gegen eine Rekonstruktion des Verlorenen und
für eine behutsame Kommentierung zu entscheiden. So stellte sich 1995
der Gemeinde nach Rückübertragung des alten Grundstücks die
bescheidene Frage, was zu tun sei, um an diesem Fleck überhaupt wieder zu
einem Sakralbau zu gelangen. Die Berliner Rudolf Reitermann und Peter
Sassenroth, eines der drei konsultierten Architektenteams, überzeugten mit
einer Konzeption, die sich auf die besondere Topografie einließ. Das
tastende Projekt ergab sich aus der runden, an die Stelle des nicht mehr
existenten Altarraums platzierten Grundform. Der verlorene Chorscheitel des
Altbaus ist nun in eine schachtartige, elf Meter hohe Nische verwandelt, in die
das wiedergefundene Holzretabel einer Reliquie gleich ausgestellt wird. Der
neue Altar aber, an dem jetzt das Abendmahl gefeiert wird, sollte nach Wunsch
der Gemeinde genau im Osten stehen. Damit weicht er von der Orientierung des
Vorgängers ab, für die sich der Baumeister Ludwig Möckel eher
vom städtebaulichen Kontext als von christlichen Idealvorstellungen leiten
ließ. So ist diese Drehung im Grundriss der KapeIle eingearbeitet. Im
Osten, wo auf der als Bodenplatte genutzten alten Mensa ein
würfelförmiger Altar aus Stampflehm ruht, buchtet sich die
Rückwand zu einem Oval aus. Ihm antwortet eine weitere Unwucht auf der
Eingangsseite, die sich aus der Spiegelung der Winkelhalbierenden zwischen
altem und neuem Altar ergibt. Ummantelt wird die innere, eiförmige Cella
von einer ebenso unregelmä-ßig kreisenden Konstruktion aus
Douglasienholz-Lamellen. Der sich weitende und verengende Umgang, ausgelegt mit
schwarzgrauem Gussasphalt, dient als Foyer und Gemeinderaum. Das Dach, getragen
von einer weit spannenden Leimbinderkonstruktion, fasst die
ineinandergestellten Bauglieder zur Einheit zusammen.
Fotos: links, Christian Jungeblodt; rechts,
Bruno Klomfar
Der lang anhaltende Konflikt zwischen Bauherr und Architekt entwickelte sich nicht am überzeugenden Konzept der Planer,
sondern an ihren Materialvorstellungen. Die hölzernen Lamellen waren in
Glas vorgesehen - in Berlin aus Sicherheitsgründen kaum zu empfehlen - mit
der ohnehin knappen Kalkulation von 1,5 Mio DM schlichtweg auch nicht
finanzierbar. Den Mauermantel, besser gesagt, die Gebäudehülle, haben
sich die beiden Architekten in Beton vorgestellt - wogegen die Gemeinde
vehement moralische Gründe vorbrachte. An der Bernauer Straße war
und bleibt die lkonologie des Baustoffs festgeschrieben: Beton, das ist die
Berliner Mauer. Erst der erbitterte Streit über einen Ersatzstoff
stellte den Kontakt mit dem Österreicher Martin Rauch her, der eine 60
Zentimeter dicke Konstruktion aus Stampflehm verschlug. Der kompromisslosen
Haltung der Gemeinde und der hohen Kunst Rauchs ist es zu verdanken, dass der
Kapellenraum im angenehm changierenden Licht der gelbbraunen Wände
erscheint. Die erdigruhige Ausstrahlung taucht den sakralen Nukleus in
behagliche Wärme. Die sachliche Auseinandersetzung mit der Geschichte
des Ortes zeigt sich auch im Umgang mit den gefundenen Spolien. Die bei der
Zerstörung pulverisierten Reste der alten Kirche wurden in die
schichtenweise gepressten Lehmringe eingestreut. Auf der Rückseite des
Wandelganges ist die Bodenplatte durch ein Glasfenster geöffnet und gibt
den Blick auf das Fundament des Altbaus frei; ein zweites Sichtfenster im
inneren zeigt die 1961 mit Betonsteinen vermauerte Kellertür. Ein
Kiesbett, scharf durchkreuzt vom zementierten Grenzkontrollgang, bildet die
kolossalen Umrisse des verschwundenen Altbaus nach. Dass sich die Gemeinde
dennoch dazu verführen ließ, das abstrakte Gedenken durch
Erklärungsschilder zu konkretisieren, ist vielleicht der Angst geschuldet,
die subtilen Hinweise auf die hochverdichtete deutsch-deutsche Geschichte
könnten missverstanden werden. An einer Stelle mag man diesen Drang zur
Sicherheit verzeihen: Möglicherweise wäre der neomoderne, durchaus
modische Bau ohne das in die Lamellen gebeizte Kreuz tatsächlich nicht als
Kirche erkennbar gewesen, auch wenn die in einem eigenen, spartanischen
Baukörper aufgehängten, aus dem Vorgängerbau geborgenen Glocken
unmissverständlich auf einen Sakralbau deuten. Ansonsten aber
hätten allein die Regie architektonischer Inszenierung genügt, deren
asketische, zeigefingerlose Baugesinnung die Konzentration auf Altar,
Gedächtnis und Geschichte zu fokussieren vermag. Einmal ins Innere
vorgedrungen, verwandeln sich die Touristen sichtbar in tastende Besucher, die
auch ohne Anleitung ihren Forschungen nach den Bruchstücken einer
verlorenen Identität nachgehen, die Berlin lange geprägt hat. So
dürfte nicht Wenigen auf dem Nachhauseweg auffallen, dass auch die Natur
ringsumher zum historischen Gedächtnis beiträgt.