Tragender Stampflehm Ein betonverwandtes Konglomerat mit Vergangenheit und Zukunft
Auszug aus: Avak, R.; Goris, A. Stahlbeton Aktuell 2002
Berlin 2001
3.2 Zur Geschichte
des Stampflehmbaus Autoren:
Prof. Dr.-Ing. Klaus Dierks und Dipl.-Ing. Christof Ziegert
Dass Menschen
seit vorgeschichtlicher Zeit Behausungen aus Lehm gebaut haben, ist eine
Binsenweisheit. Auch von den großartigen Bauwerken der mesopotamischen
Großreiche, den Palästen, Tempeln und Festungen, die vor Tausenden
von Jahren aus Lehmsteinen errichtet wurden, gibt es weitverbreitet eine mehr
oder weniger deutliche Vorstellung. Aber dass auch in der ältesten
vollständig überlieferten Monographie der Baukunst zum Lehmbau
Stellung genommen wird, ist gewiss weniger bekannt.
Vitruv hat im zweiten
seiner zehn Bücher über die Architektur, dem Lehmbau ein
hervorragendes Zeugnis ausgestellt [Vitruv - 76]. Er stellt zum Beispiel fest,
dass der überaus mächtige König Maussollus in Halikamaß
(heute Bodrum, Anatolien) - die Wände seines Palastes aus Lehmsteinen
bauen ließ, nicht weil sie billiger waren als Bruchstein oder Marmor,
sondern weil sie dauerhaft standfest waren, "wenn sie nur richtig gedeckt",
also gegen Feuchte geschützt wurden.
Zur Zeit Vitruvs schätzte
man in Rom die Standzeit von Bauwerken aus Bruchstein auf 80 Jahre. Dagegen
wurde Lehmsteinbauten eine unbegrenzte Standzeit eingeräumt, so dass sich
ihr Wert nicht minderte und sie keiner Abschreibung unterlagen.
Mit der Auflösung des Römischen
Reiches geriet in Europa - wie vieles andere - auch die Baukunst in
Vergessenheit. Was blieb, war das anonyme Bauen mit Lehm vorwiegend auf dem
Lande und das Ausfachen von Fachwerkwänden mit Lehmflechtwerk. Die
Lehmbauten waren im Vergleich zu Fachwerkbauten einfach und schmucklos, so dass
dem Lehm weit verbreitet jahrhundertelang der Ruf eines Baustoffs für
Behausungen von Armen anhaftete. Ausnahmen bildeten einzelne Regionen zum
Beispiel zwischen Elbe und Thüringer Waid, wo traditionell auch
Gutshäuser und Wohngebäude wohlhabender Bauern in Lehmwellertechnik
errichtet wurden.
In der Gegend um Lyon hatte
sich die Lehmbaukunst aus römischer Zeit erhalten oder war dort
wiederentdeckt worden. Hier wurden besonders im 18. Jahrhundert herrschaftliche
Landhäuser aus Stampfiehm gebaut, von denen Besucher aus anderen
Landstrichen nicht vermuteten, dass sie aus Stampflehm bestanden. Sowohl die
Lehmweller- als auch die Stampflehmbauten boten (und bieten noch) wegen ihres
großen Wärmespeicher- und Sorptionsvermögens ein besonders
behagliches und gesundes Wohnklima. Auf diese Vorzüge, die Vitruv schon
hervorhob, wird in nahezu jedem Bericht über Lehmbau ausdrücklich
hingewiesen.
Ein weiteres wichtiges Argument für den Lehmbau war an
Feuersbrünsten reichen Jahrhunderten der erwiesene Feuerwiderstand von
Lehmbauten.
Um den Stampflehmbau über
die Lyoner Region hinaus bekannt zu machen und damit dem Bauholzmangel in
Frankreich Rechnung zu tragen, sah sich der französische Baumeister und
Architekt Francois Cointereaux (1740-1830) veranlasst, die Stampflehmtechnik -
französisch: Pisébau - in mehreren Aufsätzen zu
beschreiben und schließlich 1790 eine Zusammenfassung unter dem Titel
"École d'architecture rurale" herauszugeben. Schon 1793 erschien die
deutsche Übersetzung "Schule der Landbaukunst oder Unterricht durch
welchen jeder die Kunst erlernen kann, Häuser von etlichen Geschossen aus
bloßem Erd- oder anderem sehr gemeinen und - höchst wohlfeilen
Baustoff selbst dauerhaft zu erbauen. Der französischen Nation gewidmet"
[Cointereaux - 17931].
10 Jahre später hat der Professor der
Philosophie an der Universität Leipzig Christian Ludwig Seebaß
gesammelte - Schriften von Cointereaux übersetzt, ergänzt und unter
dem Titel "Die Pisé-Baukunst in ihrem ganzen Umfang, oder
vollständige und fachliche Be- schreibung aus bloßer gestampfter
Erde, ohne weitere Zuthat, Gebäude, Mauerwerk von aller Art wohlfeil,
dauerhaft, feuerfest, und sicher gegen Einbruch aufzuführen"
veröffent-licht [Cointe- reaux - 1803].
Die Schriften von Cointereaux
fanden in Deutschland - zumindest regional große Beachtung. Ab 1796
entwickelte sich zum Beispiel in Weilburg an der
Lahn und Umgebung eine rege Bautätigkeit in der Pisé-Bauart.
Einer der bedeutendsten Protagonisten des neuen Bauens war der Weilburger
Unternehmer Wilhelm Jacob Wimpf. 1799 übernahm er eine marode
Papiermühle, brachte sie zu neuem Erfolg und errichtete auf dem
großen Anwesen weitere Fabrikationsgebäude in Pisétechnik:
eine dreistöckige Steingutfabrik, ein dreistöckiges Brennhaus, eine
vierstöckige Branntweinbrennerei zwei-, drei-- und vierstöckige
Glasurmühlen, eine zweistöckige Fruchtmühle, eine
einstöckige Steindruckerei und noch etliche Nebengebäude. Für
seine Kinder baute er in Weilburg am Hang links der Lahn das höchste
bekannte Wohnhaus in Stampflehm mit drei Vollgeschossen auf der
Straßenseite und - fünf Vollgeschossen mit einem Erdgeschoss aus
Bruchstein auf der Hangseite (Abb. G.3.2.11).
Wimpf gelang es, gegen erheblichen Widerstand aus der
Handwerkerschaft, den Stampflehmbau in der Weilburger Gegend für einige
Jahrzehnte zu einer gewissen Blüte zu bringen. Für die Durchsetzung
des Pisé-Baus hoffte Wimpf auf Trendsetter, zu denen er Behörden
und wohlhabende Bürger zählte: "Wenn öffentliche Gebäude in
Pisé aufgeführt würden, und man daran auch Eleganz mit
Zweckmäßigkeit verbände, was sehr wohl verträglich ist,
wenn Reiche nicht ver-schmäheten, und es ihnen nicht als schimpflich
dargestellt würde, in dieser Bauart was Vorzügliches entstehen zu
lassen, so würde das alberne Vorurteil gegen ein Leimenhaus bald
gestört sein" [Dethier - 82]. Seine Erfahrungen aus 36 Jahren
Pisé-Bau hat Wimpf in dem Buch "Der PiséBau" [Wimpf - 1841]
mitgeteilt.
Er trat auch als Berater der
Herzoglichen Regierung auf. Denn die neue Bauart wurde durch die Regierung des
Herzogs Friedrich Wilhelm von Nassau-Weilburg nachdrücklich
gefördert. Es sollten in allen Ämtern Muster-Pisé-Bauten
errichtet werden. So heißt es in einem Bericht der Regierung von
ThalEhrenbreitstein vom 23. Februar 1813: "Bei dem Entwurf des Bauplans, nach
welchem der im Jahre 1811 bis auf wenige unbedeutende Hütten ganz
eingeäscherte Ort Oberavelbert, Amtes Montabaur, wieder hergestellt werden
sollte, machten wir es uns zur Pflicht, nach dem früher
geäußerten höchsten Willen Seiner Hochfürstlichen
Durchlaucht auch den Bedacht dahin zu nehmen, daß die in so mancher
Hinsicht empfehlenswerthe Bauart in Pisé soviel wie möglich in
Anwendung komme. In der auf die alte Erfahrung gegründeten
Überzeugung, daß der Landmann gegen alle Neuerungen eine Abneigung
habe, und nur durch den augenfälligen Beweiß des daraus
resultierenden Vorteils mit gutem Willen dazu gebracht werden könne,
verordnen wir, daß nach dem Antrage des Amtes das mitverbrannte
Gemeindeschulhaus in Pisé aufgeführt werden sollte". Die
erforderliche Schalung wurde auf Kosten der Amtskasse beschafft. Das Schulhaus
wurde in Pisé-Technik gebaut und diente bis 1960 als Schulgebäude.
Danach wurde es verkauft und zu einem Wohnhaus umgebaut. Im Laufe der 1.
Hälfte des 19. Jh. entstanden im Weilburger Land eine ganze Reihe von
weiteren Pisé-Bauten, auch viele Wohnhäuser.
Am Ende aber hat sich der Pisé-Bau auch in der Weilburger
Region nicht durchgesetzt. Tradition und Beharrungsvermögen sind im
Bauwesen eben besonders ausgeprägt. So weigerte sich zum Beispiel ein
Zimmermann, für Pisé-Häuser Dachstühle zu fertigen und
aufzurichten. Wimpf und seine Mitstreiter wirkten nicht lange genug, um
für die mit dem Ruf der Armut belastete Bauart einen festen dauerhaften
Grund zur Anwendung auf städtische und repräsentative Bauten zu
legen.
Ein großer Teil der Weilburger Stampflehmhäuser sind bis
heute erhalten und erfreuen sich bei den Bewohnern großer Beliebtheit
[Schick 93] (Abb. G.3.2.2). Wenn auch Weilburg wegen seiner
Pisé-Häuser aus der 1. Hälfte des 19. Jh. besonders bekannt
ist, so wurden doch auch andernorts Stampflehmbauten errichtet.
In Preußen hat
sich z.B. David Gilly (1748-1808) für den Lehmbau eingesetzt. U.a. hat er
für den Rittergutsbesitzer von Hake ein zweigeschossiges Herrenhaus in
Kleinmachnow bei Berlin gebaut -allerdings aus Lehmsteinen. Es wurde im 2.
Weltkrieg zerstört. Da die sandigen Erden der Mark oftmals keine
ausreichende Bindigkeit zur Verwendung im Stampflehmbau aufwiesen, wurde den
Mischungen Kalk beigemengt. Ein eindrucksvolles Beispiel der
Kalk-Pisé-Bauart ist die Scheune in Wittenmoor/Mark (Abb.
G.3.2.3). Aus den Untertiteln der Lehr- und
Anweisungsbücher des 19. Jahrhunderts, die etwa die Funktion eines
Klappentextes von heute hatten, wird deutlich, was den Autoren wichtig war
herauszustellen: die Lehmbauten sind trocken, warm, feuersicher und dauerhaft.
Genau das wird von den heutigen Bewohnern nach mehr als
zweihundertjähriger Standzeit vollauf bestätigt.
In der 1.
Hälfte des 20. Jh. hat es zwei weitere Impulse zum Bauen mit Lehm gegeben.
Aus Mangel an industriellen Baustoffen und wegen des möglichen hohen
Anteils an Eigenleistung wurde jeweils nach dem ersten und nach dem zweiten
Weltkrieg für einige Jahre der Lehmbau wiederbelebt.
1919 und 1920
entstanden z.B. in Preußen mehrere hundert Ein- und
Mehrfamilienhäuser in Lehmbauart. Das Preußische Ministerium
für Volkswohlfahrt richtete über das Land verteilt Beratungsstellen
für Naturbauweisen in Ber-lin, Breslau, Sorau, Königsberg,
Köslin, Eisleben, Kiel, Münster, Achim bei Bremen und Haan im
Rheinland ein. In Sorau, Niederlausitz, hatte die Lehr- und Versuchsstelle ein
stattliches zweigeschossiges Lehmhaus bezogen.
Noch gegen Ende des zweiten Weltkriegs erließ im Oktober
1944 der Reichsarbeitsminister eine Lehmbauordnung mit dem Kommentar: "Zum
Ausgleich der entstandenen Gebäudeverluste ist der restlose Einsatz aller
verfügbaren Baustoffe geboten. Es muss daher auf Lehm zurückgegriffen
werden, der bei richtiger Anwendung durchaus geeignet ist. Er kann zudem besser
als jede andere Bauart unter Mitwirkung der Bevölkerung in Selbst- und
Gemeinschaftshilfe ausgeführt werden und wirkt sich daher
arbeitsmäßig aus."
In der
Bundesrepublik wurde die Lehmbauordnung von 1944 als DIN 18951
übernommen. Zudem erschienen bis 1956 folgende Vornormen: DIN
18952 Baulehm
Blatt 1 Begriffe, Arten; Blatt 2 Prüfung von Baulehm
DIN 18953 Baulehm, Lehmbauteile
Blatt 1 Verwendung von Baulehm;
Blatt 2 Gemauerte Lehmwände; Blatt 3 Gestampfte Lehmwände; Blatt 4
Gewellerte Lehmwände: Blatt 5 Leichtlehmwände in Gerippebauten; Blatt
6 Lehmfußböden DIN 18954 Ausführung von Lehmbauten,
Richtlinien DIN 18955 Baulehm, Lehmbauteile, Feuch tigkeitsschutz
DIN 18956 Putz auf Lehmbauteilen DIN 18957
Lehmschindeldach DIN 1169 Lehmmörtel für Mauerwerk und
Putz
Zu einer Umwandlung der Vornormen in endgültige Normen ist es
jedoch nicht mehr gekommen. Man zog sie wegen mangelnden Bedarfs um 1970
ersatzlos zurück.
Zunächst aber
wurden wie nach dem ersten Weltkrieg in beiden Teilen Deutschlands wieder
Lehmbauschulen und Lehmprüfstellen eingerichtet.
Im Osten entstanden
allerdings weitaus mehr Lehmhaus-Siedlungen als im Westen. In der DDR hat man
bis zu Beginn der sechziger Jahre landesweit mehr als 20 000 Wohnungen und
Neubauernhöfe aus Lehm gebaut. Dabei wurde der Stampflehm auch auf
Großbaustellen unter Einsatz schwerer Baumaschinen verarbeitet.
Bekannt sind z.B. die Siedlungen mit zweigeschossiger Bebauung in
Mücheln (Kreis Merseburg), Zerbst, Gotha und Trebsen/Mulde (Abb. G.3.2.4).
Heute liegen der Verwendung von Stampflehm verschiedene Motive zugrunde.
Für die einen ist die ästhetische Wirkung der Oberfläche
ausschlaggebend, für die anderen der Wunsch nach einem hinsichtlich
Temperatur und Luftfeuchte ausgeglichenen Raumklima.
So wird unter anderem
erwogen, Stampflehm für den Bau von Archiven zu verwenden. Stampflehm kann
ein archivgerechtes Raumklima auch bei einem Ausfall der künstlichen
Klimatisierung über längere Zeit gewährleisten. Die
ästhetisch ansprechende Bandstruktur des Stampflehms lässt sich durch
die Zugabe von farblich ausgesuchten Tonen und Zuschlägen noch steigern.
Eine künstlerische Nachbearbeitung der Oberflächen kann eine Wand
durchaus in den Rang eines Kunstwerkes erheben. Schließlich spielt auch
die uneingeschränkte Wiederverwendungsmöglichkeit des Baustoffs ohne
Rest- oder gar Sondermüll eine Rolle.
An
der Stelle des erwähnten zerstörten Herrenhauses in Kleinmachnow ist
heute ein begrünter Hügel zu finden, kenntlich durch die ehemalige
Auffahrt zur Freitreppe. Moderne europäische Stampflehmbauten sind in den
letzten drei Jahrzehnten besonders in Frankreich, aber auch in Deutschland, der
Schweiz und Österreich entstanden.
Die Anwendungen reichen von
mehrgeschossigen Wohnungsbauten über Massebauteile innerhalb von
Häusern bis hin zu künstlerischen Großobjekten.
In diesem Zusammenhang sind die zahlreichen
vielbeachteten Bauten des Österreichers Martin Rauch zu nennen. Die Kosten einer einschaligen Stampflehmwand mit
retuschierten stampflehmsichtigen Oberflächen liegen derzeit bei 300 bis
500 /m². . Der hohe Preis beruht hauptsächlich auf dem
erheblichen Arbeitsaufwand bei der Verarbeitung. An der weiteren Mechanisierung
des Mischens, des Einbaus und der Verdichtung des Stampflehms wird gearbeitet.
Mit einer Ausweitung der Bauart und fortschreitender technologischer
Entwicklung könnten da-her die Herstellungskosten von Lehmbauten und
Bauteilen aus tragendem Stampflehm mittelfristig sinken. Jedenfalls erfordert
die Nachfrage schon heute, die Bauart ingenieurwissenschaftlich zu untersuchen
und den Bauvorgang entsprechend den heute üblichen Vorstellungen von
Qualität und Sicherheit überwachend zu begleiten.
Denn so wie
Holz- und Mauerwerksbauten nicht mehr allein aufgrund eines reichen
Erfahrungsschatzes errichtet werden können, sondern ihre Standsicherheit
ingenieurwissenschaftlich nachzuweisen ist, so ist auch die Tragfähigkeit
und Dauerhaftigkeit von Lehmbauteilen und Lehmbauten rechnerisch zu belegen und
sicherzustellen. Prof. Dr.-Ing. Klaus
Dierks und Dipl.-Ing. Christof Ziegert
in: Avak, R.; Goris, A.
Stahlbeton Aktuell 2002, Berlin 2001