Startseite
 
Das Projekt
Der Lehm
Die Kampagne
Dokumentation

Gästebuch

Termine
Der Inhalt Die Literatur Die Medien Die Links
  Kapelle der Versöhnung Berlin Mitte
  *Hrsg. Martin Rauch, Otto Kapfinger
Verlag Birkäuser
2001 / isbn 3-7643-6461-0
Kontakt: LEHM TON ERDE
Baukunst GmbH, Schlins/Österreich
Tel.: 0043 – 5524 - 8327

 
Buch #1
lehmstruktur
Gestaltung im Stampflehm

bearbeiteter Stampflehm
Gestaltung im Stampflehm
Nach den Plänen der Berliner Architekten Peter Sassenroth und Rudolf Reitermann entstand auf den Fundamenten der alten Kirche für die lokale Gemeinde und für Besucher der nahen Gedenkstätte "Berliner Mauer" ein Ort der Andacht und der Besinnung.
Mit der Ausführung des Kernbaus gelang Martin Rauch eine Pionierleistung. Das 7 m hohe Oval der Kapelle ist der erste Neubau in Piseé-Technik seit rund hundert Jahren und zugleich auch der erste konstruktive Stampflehmbau in Berlin.
Die Kapelle entstand zum 10. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer. Die alte Kirche lag seit 1961, nach der Teilung der Stadt durch den Mauerbau, unerreichbar im Todesstreifen. 1985 wurde sie gesprengt, um freies Schussfeld zu erhalten. Nach dem Fall der Mauer erhielt die Gemeinde das Grundstück für sakrale Nutzung zurück. Bebaut wurde nur der Bereich des alten Chorraumes. Der markierte Grundriss der alten Kirche blieb frei. Über der freigelegten Kellertreppe, mit Resten der 1961 zugemauerten Tür, wurde die Nische für das erhalten gebliebene Altarbild errichtet. Diese neue "Apsis" verankert den Ovalraum in der Achsenrichtung des Altbaus. Die Hauptachse der neuen "Cella" folgt aber der Ost-West-Richtung, auf der auch der von Martin Rauch geformte Altar steht. Die Hülle aus Holzlamellen, die den Kernbau transluzent ummantelt, orientiert sich axial auf die Bernauer Straße.
Für die Konstruktion mit Lehm war ein eigenes Genehmigungsverfahren erforderlich. Behörden und Statiker wurden in Berlin erstmals mit dieser Technik konfrontiert, unter anderem wurde die siebenfache statische Sicherheit verlangt! Die vorgeschriebene Fremdüberwachung und wissenschaftliche Begleitung erfolgte durch die Technische Universität Berlin.
390 t Erdmaterial, aus dem Umfeld der Stadt gewonnen, wurden in drei Monaten verarbeitet. Als Symbol der Erinnerung wurde der Lehmmischung Ziegelbruch vom Altbau beigemengt. Die horizontalen Schichtungen und das homogene Spiel der Erdfarben verleihen dem Innenraum Ruhe, Konzentration und Geborgenheit -fokussiert noch durch das Oberlicht.
Der gestampfte Lehmboden, mit Naturwachs bearbeitet, vermittelt die Verbindung zur Erde. Die Materialien - unbehandeltes Holz für Dach und Mantel, Lehm für den massiven Kern - spiegeln eine bewusste Entscheidung der Bauherrschaft gegen die anfangs geplante Ausführung in Stahl und Beton. Man wollte dort kein Pathos.
Dieser geschichtsträchtige Ort, an dem sich eine tiefe Tragik, aber auch ihre Überwindung manifestiert, sollte eben in Form und Material nicht "versiegelt" werden. Erinnerung und Besinnung sollten durch minimale Gesten, durch ephemere Stoffe angeregt und gestützt werden. Zugleich sollte darin auch die Fragilität und Verletzbarkeit von Frieden und Versöhnung anklingen. Die unspektakuläre Verbindung von Holz und Lehm entspricht dem Konzept einer offenen, nur punktuell verdichteten "Einhegung" von Geschichte und Gegenwart, von Alltag und Ritus, Stadt und Gedenkstätte.
Ein Großteil der Arbeitskräfte bestand aus freiwilligen Helfern des regionalen Arbeitskreises für Denkmalpflege und aus Mitarbeitern dreier Lehmbaufirmen, die bei dieser Gelegenheit sehr wichtige Erfahrungen sammeln konnten, um selbstständig weitere Stampflehmprojekte durchzuführen. Die Qualität des Materials und der Ausführung spielt bei solchen Dimensionen eine große Rolle.
"Wenn der Lehm trocknet", so Martin Rauch, "schrumpft die Wand, und es entstehen enorme Spannungskräfte. Bei der Versöhnungskapelle gelang es uns aber, die Wände völlig rissfrei auszuführen".
Aus: * Rammed earth Lehm und Architektur Hrsg. Martin Rauch Otto Kapfinger Verlag Birkäuser
 
Buch #1

nach oben ··· zurück