Einleitung*
Zivilisation ist die Transformation der Erde in ein den Menschen
dienstbares Relief. Das Motto "Mach 'dir die Erde untertan" -biblischer Auftrag
an den im Mythos selbst aus Lehm geformten Homo Sapiens, dieses Motto ist
vermutlich nur ungenau über-setzt und meint etwas weniger pathetisch
schlicht und einfach: "Benutze die Erde!" Mit vergleichbaren Appellen an die
fundamentale, wortwörtliche Bedeutung des Bau- und Lebensstoffes "Erde"
für unsere Kulturgeschichte beginnen wohl die meisten Publikationen dieses
Genres. Den in diesem Zusammenhang ebenso oft genannten Fakten - dass etwa die
ersten großen Städte wie auch das heute noch größte
Bauwerk der Menschheit, die Chinesische Mauer, aus Lehm gebaut wurden, und dass
immer noch fast die Hälfte der Menschheit in Lehmbauten wohnt - steht
heute nicht nur in der so genannten Ersten Welt ein evolutionäres
Bewusstsein gegenüber, das sich nicht (mehr) an der Humanisierung des
Natürlichen orientiert, sondern an der Artifizierung, an der
künstlichen Überbietung des Humanen. Das vorliegende Buch
versteht sich deshalb nicht als eine wei-tere Kritik an der im Selbstlauf
expandierenden Techno-Poiesis der Welt. Es propagiert keine nostalgischen
Rezepte der Rückkehr zu vortechnoiden, vormodernen Bau- und Lebensformen.
Es präsentiert vielmehr in sachlicher, präziser Form das Oeuvre eines
Bau-Künstlers, dem es gelingt, jenseits von ideologischen Kodierungen und
Punzierungen seine Faszination vom archaischen Bauen und Bilden in absolut
zeitgenössische, zukunftsträchtige Anwendungen einzubringen. Zwei
Jahrzehnte grundlegender und angewandter Forschung haben Martin Rauch dazu
befähigt, tradierte Lehmbautechniken in einem breiten Spektrum von
Bauaufgaben zu aktualisieren, bis hin zu monumentalen und auch technisch hoch
komplexen Projekten, haben ihn zu einem in diesem Metier führenden,
international gesuchten Experten und Partner renommierter Architekten und
Künstler gemacht.
Es liegt deshalb
auf der Hand, dass eine Monografie über Rauch zugleich ein profundes
Sachbuch über Lehmbau "in state of the art" darstellt, wie es umgekehrt
kaum eine vielfältigere und konsistentere Illustration
zeitgenössischer Lehmanwendungen gibt als eine Auswahl seiner Werkliste.
Rauch kam zum Lehmbau nicht über die Architektur, sondern über seine
Ausbildung und ersten Projekte als Keramiker und Bildhauer. Die unmittelbare
gestalterische Arbeit mit Lehm und Ton schuf die starke emotionale und zugleich
profunde technische Basis seiner Entwicklung. In dieser Phase, geprägt
durch so konträre, inspirative Lehrer wie Maria Biljan-Bilger und Matteo
Thun, beginnt seine Arbeit an der Synthese zwischen erfinderischem Handwerk und
elementarem Formgefühl, zeigt sich der Drang, ja die Notwendigkeit, zur
Umsetzung gestalterischer Visionen sich auch selbst die dazu passenden
Werkzeuge und Materialien, das technische und ästhetische Know-how zu
schaffen. Konrad Wachsmann hat einmal die Werkzeugmacher die unbekannten, aber
wesentlichen Schöpfer der technischen Kultur genannt. In ihrem Aktionsfeld
überschneidet sich vieles: die sinnliche, handwerkliche Komponente der
Herstellung von Prototypen und Versuchsreihen; der experimentelle Anspruch
kreativen Ingenieurgeistes; die Zielgerichtetheit auf standardisierte
Anwendung, das genuine Wissen um Werkstoffe, ihre bekannten und unbekannten
Potenziale und Wirkungen.
Einer der
ersten Lehmbauten von Rauch war die Herstellung eines solchen Werkzeuges -
eines ungewöhnlich dimensionierten Brennofens aus keramischen Teilen zur
Herstellung von großen Keramiken mit und für Maria Bilger. Sein
weiterer Weg zeigt dann immer konsequenter diese selten gewordene Einheit des
Gestalters mit dem Produzenten. Die Tendenz zur kunstfertigen Autonomie und
Universalität erhält in Rauchs Biografie ihre klare Ausrichtung aus
einer komplementären Erfahrung. Wie einige seiner Geschwister arbeitet er
viele Monate als Entwicklungshelfer in Afrika.
Mit diesem Hintergrund fokussiert sich sein ganzheitlicher Ansatz,
schärft sich das soziale Verständnis von Technologie und Expertentum
als Hilfe zur Selbsthilfe. Die Begegnung mit alten, in einfachen
Kreisläufen bei optimaler Ressourcennutzung wirksamen Bau und Lebensweisen
geht parallel mit der Beobachtung ihrer Krisen, bedingt durch die abrupte
Überlagerung mit extrem aufwendigen, schwer reparierbaren und nicht
recycelbaren Technologien aus der Ersten Welt. So erhält der
künstlerische Impuls globale Perspektiven. Der subjektive Hang zur Arbeit
mit dem bildnerischen Ur-Material findet den objektiven, konzeptionellen
Rahmen. Das Bilden mit Ton wächst zum Bauen mit Erde. Aus dem Modellieren
von Kacheln und Öfen wird ein Gestalten und Konstruieren
größeren Maßstabs: die Umformung des Grundes zur bewohnbaren
(Raum) Figur. Anstatt das von Matheo Thun gewünschte Tee-Service zu
liefern macht Rauch seine Diplomarbeit über Gestaltungsmöglichkeiten
des Lehmbaus. Sein besonderes Interesse gilt der Stampflehmtechnik, einem
Verfahren, in dem das Material nicht nachträglich verkleidet oder
geschönt wird. Beim unverputzten Piseé-Bau, wie Rauch ihn bei
anonymen Nutzbauten in Frankreich fand - und nicht bei den viel bekannteren,
dekorativ verputzten Lehmarchitekturen aus Mali, Jemen oder dem Sudan,
führt die Herstellung wie bei ungebrannter, unglasierter Keramik
unvermittelt zum Ausdruck ihrer selbst. Die schichtweise Aufrichtung der Wand
webt zugleich das Ornament ihrer Erscheinung. Die pure Struktur, Farbigkeit und
Haptik des Stoffes bleibt im Vorgang der Formung und Ver-dichtung unverstellt,
intensiviert erhalten. Aus dem scheinbar Primitiven, Gestaltlosen erwächst
ein alle Sinne erfassendes, unpathetisches Raffinement.
Mit der Sensitivität des Keramikers für die
Zusammensetzung, die chemischphysikalische Transformation und Wirkung seines
Materials, geht Rauch daran, die Sprache des Lehmbaustoffes wieder sichtbar zu
machen, alle Facetten des Materials auszureizen, wobei technische Verbesserung
und Anreicherung der formalen Komplexität Hand in Hand gehen.
Rauch lehnt es beispielsweise ab,
bestimmte technische Mängel der klassischen Piseé-Technik durch die
Beigabe von Zement zu verbessern, weil dies zentrale Eigenschaften des
Erdmaterials - die völlige Wiederverwertbarkeit, die gute
Atmungsfähigkeit etc. - zerstört. Statt dessen sucht er nach besseren
natürlichen Materialmischungen, arbeitet er an der Optimierung der
Verdichtungstechnik, der Schalungsformen, entwickelt er mit zusätzlich
eingelegten Armierungsschichten die alten Techniken systematisch weiter, ohne
deren strukturelles Gefüge zu verlassen. Werkzeuge, Gerüstformen,
Models, Arbeitsweisen werden dazu neu entwickelt, Testmauern aufgestellt und
der Erfahrungszuwachs der eigenhändigen Baudurchführungen wird
postwendend in die nächste Versuchsreihe eingespeist. Es mag vermessen
klingen, doch in dieser Personalunion von Planer, Forscher, Experimentator und
Produzent erinnert Rauch an legendäre Pioniere wie Irving Gill oder
Rudolph M. Schindler, an Bernard Maybeck oder auch Charles und Ray Eames, die
allesamt aus der eigenen Werkstatt heraus mit selbst gefertigten Werkzeugen und
Mitteln auch selbst Hand anlegten auf der Suche nach neuen Wegen des vitalen,
einfachen und ganzheitlichen Gestaltens.
An diesem Punkt ist generell nach den Analogien zu Positionen der
klassischen Moderne zu fragen, die einerseits das industrielle Bauen
propagierte - dessen ökologische Naivität inzwischen klar ist, die
andererseits aber auch explizit nach dem Puren, dem Archaischen, dem
Unmittelbaren strebte und sich vom anonymen Bauen des Mittelmeerraumes oder
Mittelamerikas inspirieren ließ.
Adolf Loos brüstete sich etwa, der Wiener Hofburg ein Haus im
alten, plebejischen Kalkputz entgegengestellt zu haben. Die natürliche
Schönheit des reinen, richtig verarbeiteten Materials war angesagt,
befreit von den dekorativen Stilkrusten, zugleich das Lob des monolithischen,
elementaren Bauens. "Marmor ist die billigste Tapete" auch das war ein Kampfruf
von Loos in Sachen nachhaltiger Gestaltung, und Mies van der Rohe platzierte in
diesem Sinn massive Wände aus geschliffenem Onyx und Marmor in seine
Räume. Das Engagement von Rauch setzt an derselben Stelle an, beginnt aber
gleichsam ganz von vorne. Es plädiert für eine rehabilitierte,
verfeinerte Ästhetik des Rohen - der "art brut" noch näher verwandt
als dem architektonischen "Brutalismus".
So fundamental sein ökologischer Anspruch ist, so wenig
fundamentalistisch agiert sein konstruktives und gestalterisches Gespür.
In Kooperation mit dem langjährigen Diskussionspartner Robert Felber etwa
weist Rauch nach, wie der Stampflehm im Verbund mit Glas, Holz, Metall,
farbigen Lehmputzen und keramischen Detailelementen für Fensterbänke,
Fußböden und Hypokaustenwände sich völlig von allen
dumpf-dilettantischen Retro-Stilen absetzen und eine zeitgemäße,
wirklich "transitorische" Architektur schaffen kann.
Man könnte nun auf das Phänomen des Holzbaus
verweisen, der in Mitteleuropa ebenfalls mit kultureller Deklassierung und mit
ähnlichen Vorurteilen konfrontiert war - vergänglich,
wartungsintensiv, brand- und schall-technisch problematisch, rural und "arm",
dem es in den letzten Jahrzehnten aber gelang, eine neue,
zukunftsträchtige Architektursprache mit großer Breitenwirkung zu
entwickeln. Ein Manko hat der Lehmbau aber auch gegenüber dem Holz:
Lehm-Ton-Erde haben keine Baustoff-Lobby. Im konsumindus-triellen
Verwertungskreislauf ist das eine Schwachstelle. Denn wenn niemand an diesem
Material verdienen kann, das zum Gutteil direkt am Baugrund liegt, fehlt ein
wesentlicher Faktor zur kapitalistischen Dynamik - auch für positive
Entwicklungen. Es bleibt dennoch die Frage offen, ob damit eine Renaissance des
Lehmbaus von vornherein auf individuelle Nischen beschränkt bleiben muss,
oder ob nicht doch in diesem Metier so schwer wiegende, unvergleichliche
Qualitäten stecken, dass eine breitere Akzeptanz sich zwangsläufig
einmal einstellen wird. Die Präsenz der wirtschaftlichen Globalisierung
mit immer größeren, von der Ersten Welt gesteuerten Monopolen
spricht gegen ein Konzept der Kultivierung von Ressourcen, die praktisch
überall und kostenlos vorhanden sind.
Die technischen, ökologischen und gestalterischen
Qualitäten des Bauens mit Erde sprechen trotzdem für sich: Wie kein
anderer Baustoff erfüllt Lehm ökologische und baubiologische
Anforderungen.
Er ist örtlich verfügbar, schont Ressourcen, ist
beliebig wieder verwertbar, angenehm zu verarbeiten, wirkt
wärmedämmend, gibt keine Schadstoffe ab, verbessert das Raumklima,
reguliert die Luftfeuchtigkeit, bietet gute Schalldämmung und angenehme
Oberflächentemperaturen, hält die relative Raumfeuchtigkeit konstant
auf 45-55 %. Eine 40 cm starke Leichtlehmwand entspricht den Dämmwerten
für Niedrigenergiebauten, ohne dass die Vorteile des homogenen Wandaufbaus
verloren gehen.
Zum Vergleich: Beton- oder Ziegelbauten benötigen die
10 bis 20-fache Energie für Herstellung, Verarbeitung und Transport. Auch
ihr Erhaltungsaufwand ist wesentlich höher, bedenkt man nur die Probleme,
die mit Sichtbetonbauten nach einigen Jahrzehnten entstanden, an denen heute
eine ganze Sanierungsindustrie verdient.
Im Aspekt der Nachhaltigkeit
übertrifft Lehm sogar Holz durch den geringeren Aufwand an
Primärenergie und durch die unbegrenzte Wiederverwertbarkeit. Es ist
immerhin bemerkenswert, dass seit einigen Jahren immer mehr Firmen, auch
große Baustoffkonzerne, Lehmputze und Lehmhalbfertigprodukte anbieten. Es
fehlen allerdings entsprechend ausgebildete Handwerker und ausführende
Firmen, und es fehlen einschlägige Lehrangebote an den Baufachschulen, den
Fachhochschulen und Architekturfakultäten der Universitäten.
Das
größte Potenzial für den Lehmbau liegt sicher in der Verbindung
mit modernen Holzbautechniken, wie etliche neuere Bauten in Deutschland und
Frankreich, in Italien und den angelsächsischen Ländern und nicht
zuletzt die in diesem Band dokumentierten Beispiele in bestechender Form
aufzeigen.
Das Know-how ist vorhanden,
von Pionieren wie Martin Rauch erarbeitet und umgesetzt, die Modellbauten sind
über alle rechtlichen und praktischen Hürden hinweg gelungen. Auch
wenn es also für diesen Baustoff (noch) keine industrielle Lobby gibt: Das
Stadium der naiven Alternative ist längst überwunden. Die Zukunft
für modernen Lehmbau ist offen.
Aus: * Rammed earth Lehm und Architektur Hrsg. Martin Rauch Otto
Kapfinger Verlag Birkäuser