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  rammed earth Lehm und Architektur
  *Hrsg. Martin Rauch, Otto Kapfinger
Verlag Birkäuser
2001 / isbn 3-7643-6461-0
Kontakt: LEHM TON ERDE
Baukunst GmbH, Schlins/Österreich
Tel.: 0043 – 5524 - 8327

 
Buch #2
lehmstruktur
Gestaltung im Stampflehm

bearbeiteter Stampflehm
Gestaltung im Stampflehm
Einleitung*
Zivilisation ist die Transformation der Erde in ein den Menschen dienstbares Relief. Das Motto "Mach 'dir die Erde untertan" -biblischer Auftrag an den im Mythos selbst aus Lehm geformten Homo Sapiens, dieses Motto ist vermutlich nur ungenau über-setzt und meint etwas weniger pathetisch schlicht und einfach: "Benutze die Erde!" Mit vergleichbaren Appellen an die fundamentale, wortwörtliche Bedeutung des Bau- und Lebensstoffes "Erde" für unsere Kulturgeschichte beginnen wohl die meisten Publikationen dieses Genres. Den in diesem Zusammenhang ebenso oft genannten Fakten - dass etwa die ersten großen Städte wie auch das heute noch größte Bauwerk der Menschheit, die Chinesische Mauer, aus Lehm gebaut wurden, und dass immer noch fast die Hälfte der Menschheit in Lehmbauten wohnt - steht heute nicht nur in der so genannten Ersten Welt ein evolutionäres Bewusstsein gegenüber, das sich nicht (mehr) an der Humanisierung des Natürlichen orientiert, sondern an der Artifizierung, an der künstlichen Überbietung des Humanen.
Das vorliegende Buch versteht sich deshalb nicht als eine wei-tere Kritik an der im Selbstlauf expandierenden Techno-Poiesis der Welt. Es propagiert keine nostalgischen Rezepte der Rückkehr zu vortechnoiden, vormodernen Bau- und Lebensformen. Es präsentiert vielmehr in sachlicher, präziser Form das Oeuvre eines Bau-Künstlers, dem es gelingt, jenseits von ideologischen Kodierungen und Punzierungen seine Faszination vom archaischen Bauen und Bilden in absolut zeitgenössische, zukunftsträchtige Anwendungen einzubringen. Zwei Jahrzehnte grundlegender und angewandter Forschung haben Martin Rauch dazu befähigt, tradierte Lehmbautechniken in einem breiten Spektrum von Bauaufgaben zu aktualisieren, bis hin zu monumentalen und auch technisch hoch komplexen Projekten, haben ihn zu einem in diesem Metier führenden, international gesuchten Experten und Partner renommierter Architekten und Künstler gemacht.
Es liegt deshalb auf der Hand, dass eine Monografie über Rauch zugleich ein profundes Sachbuch über Lehmbau "in state of the art" darstellt, wie es umgekehrt kaum eine vielfältigere und konsistentere Illustration zeitgenössischer Lehmanwendungen gibt als eine Auswahl seiner Werkliste. Rauch kam zum Lehmbau nicht über die Architektur, sondern über seine Ausbildung und ersten Projekte als Keramiker und Bildhauer. Die unmittelbare gestalterische Arbeit mit Lehm und Ton schuf die starke emotionale und zugleich profunde technische Basis seiner Entwicklung. In dieser Phase, geprägt durch so konträre, inspirative Lehrer wie Maria Biljan-Bilger und Matteo Thun, beginnt seine Arbeit an der Synthese zwischen erfinderischem Handwerk und elementarem Formgefühl, zeigt sich der Drang, ja die Notwendigkeit, zur Umsetzung gestalterischer Visionen sich auch selbst die dazu passenden Werkzeuge und Materialien, das technische und ästhetische Know-how zu schaffen. Konrad Wachsmann hat einmal die Werkzeugmacher die unbekannten, aber wesentlichen Schöpfer der technischen Kultur genannt. In ihrem Aktionsfeld überschneidet sich vieles: die sinnliche, handwerkliche Komponente der Herstellung von Prototypen und Versuchsreihen; der experimentelle Anspruch kreativen Ingenieurgeistes; die Zielgerichtetheit auf standardisierte Anwendung, das genuine Wissen um Werkstoffe, ihre bekannten und unbekannten Potenziale und Wirkungen.
Einer der ersten Lehmbauten von Rauch war die Herstellung eines solchen Werkzeuges - eines ungewöhnlich dimensionierten Brennofens aus keramischen Teilen zur Herstellung von großen Keramiken mit und für Maria Bilger. Sein weiterer Weg zeigt dann immer konsequenter diese selten gewordene Einheit des Gestalters mit dem Produzenten. Die Tendenz zur kunstfertigen Autonomie und Universalität erhält in Rauchs Biografie ihre klare Ausrichtung aus einer komplementären Erfahrung. Wie einige seiner Geschwister arbeitet er viele Monate als Entwicklungshelfer in Afrika.
Mit diesem Hintergrund fokussiert sich sein ganzheitlicher Ansatz, schärft sich das soziale Verständnis von Technologie und Expertentum als Hilfe zur Selbsthilfe. Die Begegnung mit alten, in einfachen Kreisläufen bei optimaler Ressourcennutzung wirksamen Bau und Lebensweisen geht parallel mit der Beobachtung ihrer Krisen, bedingt durch die abrupte Überlagerung mit extrem aufwendigen, schwer reparierbaren und nicht recycelbaren Technologien aus der Ersten Welt. So erhält der künstlerische Impuls globale Perspektiven. Der subjektive Hang zur Arbeit mit dem bildnerischen Ur-Material findet den objektiven, konzeptionellen Rahmen. Das Bilden mit Ton wächst zum Bauen mit Erde. Aus dem Modellieren von Kacheln und Öfen wird ein Gestalten und Konstruieren größeren Maßstabs: die Umformung des Grundes zur bewohnbaren (Raum) Figur. Anstatt das von Matheo Thun gewünschte Tee-Service zu liefern macht Rauch seine Diplomarbeit über Gestaltungsmöglichkeiten des Lehmbaus. Sein besonderes Interesse gilt der Stampflehmtechnik, einem Verfahren, in dem das Material nicht nachträglich verkleidet oder geschönt wird. Beim unverputzten Piseé-Bau, wie Rauch ihn bei anonymen Nutzbauten in Frankreich fand - und nicht bei den viel bekannteren, dekorativ verputzten Lehmarchitekturen aus Mali, Jemen oder dem Sudan, führt die Herstellung wie bei ungebrannter, unglasierter Keramik unvermittelt zum Ausdruck ihrer selbst. Die schichtweise Aufrichtung der Wand webt zugleich das Ornament ihrer Erscheinung. Die pure Struktur, Farbigkeit und Haptik des Stoffes bleibt im Vorgang der Formung und Ver-dichtung unverstellt, intensiviert erhalten. Aus dem scheinbar Primitiven, Gestaltlosen erwächst ein alle Sinne erfassendes, unpathetisches Raffinement.
Mit der Sensitivität des Keramikers für die Zusammensetzung, die chemischphysikalische Transformation und Wirkung seines Materials, geht Rauch daran, die Sprache des Lehmbaustoffes wieder sichtbar zu machen, alle Facetten des Materials auszureizen, wobei technische Verbesserung und Anreicherung der formalen Komplexität Hand in Hand gehen.
Rauch lehnt es beispielsweise ab, bestimmte technische Mängel der klassischen Piseé-Technik durch die Beigabe von Zement zu verbessern, weil dies zentrale Eigenschaften des Erdmaterials - die völlige Wiederverwertbarkeit, die gute Atmungsfähigkeit etc. - zerstört. Statt dessen sucht er nach besseren natürlichen Materialmischungen, arbeitet er an der Optimierung der Verdichtungstechnik, der Schalungsformen, entwickelt er mit zusätzlich eingelegten Armierungsschichten die alten Techniken systematisch weiter, ohne deren strukturelles Gefüge zu verlassen. Werkzeuge, Gerüstformen, Models, Arbeitsweisen werden dazu neu entwickelt, Testmauern aufgestellt und der Erfahrungszuwachs der eigenhändigen Baudurchführungen wird postwendend in die nächste Versuchsreihe eingespeist. Es mag vermessen klingen, doch in dieser Personalunion von Planer, Forscher, Experimentator und Produzent erinnert Rauch an legendäre Pioniere wie Irving Gill oder Rudolph M. Schindler, an Bernard Maybeck oder auch Charles und Ray Eames, die allesamt aus der eigenen Werkstatt heraus mit selbst gefertigten Werkzeugen und Mitteln auch selbst Hand anlegten auf der Suche nach neuen Wegen des vitalen, einfachen und ganzheitlichen Gestaltens.
An diesem Punkt ist generell nach den Analogien zu Positionen der klassischen Moderne zu fragen, die einerseits das industrielle Bauen propagierte - dessen ökologische Naivität inzwischen klar ist, die andererseits aber auch explizit nach dem Puren, dem Archaischen, dem Unmittelbaren strebte und sich vom anonymen Bauen des Mittelmeerraumes oder Mittelamerikas inspirieren ließ.
Adolf Loos brüstete sich etwa, der Wiener Hofburg ein Haus im alten, plebejischen Kalkputz entgegengestellt zu haben. Die natürliche Schönheit des reinen, richtig verarbeiteten Materials war angesagt, befreit von den dekorativen Stilkrusten, zugleich das Lob des monolithischen, elementaren Bauens. "Marmor ist die billigste Tapete" auch das war ein Kampfruf von Loos in Sachen nachhaltiger Gestaltung, und Mies van der Rohe platzierte in diesem Sinn massive Wände aus geschliffenem Onyx und Marmor in seine Räume. Das Engagement von Rauch setzt an derselben Stelle an, beginnt aber gleichsam ganz von vorne. Es plädiert für eine rehabilitierte, verfeinerte Ästhetik des Rohen - der "art brut" noch näher verwandt als dem architektonischen "Brutalismus".
So fundamental sein ökologischer Anspruch ist, so wenig fundamentalistisch agiert sein konstruktives und gestalterisches Gespür. In Kooperation mit dem langjährigen Diskussionspartner Robert Felber etwa weist Rauch nach, wie der Stampflehm im Verbund mit Glas, Holz, Metall, farbigen Lehmputzen und keramischen Detailelementen für Fensterbänke, Fußböden und Hypokaustenwände sich völlig von allen dumpf-dilettantischen Retro-Stilen absetzen und eine zeitgemäße, wirklich "transitorische" Architektur schaffen kann.
Man könnte nun auf das Phänomen des Holzbaus verweisen, der in Mitteleuropa ebenfalls mit kultureller Deklassierung und mit ähnlichen Vorurteilen konfrontiert war - vergänglich, wartungsintensiv, brand- und schall-technisch problematisch, rural und "arm", dem es in den letzten Jahrzehnten aber gelang, eine neue, zukunftsträchtige Architektursprache mit großer Breitenwirkung zu entwickeln.
Ein Manko hat der Lehmbau aber auch gegenüber dem Holz: Lehm-Ton-Erde haben keine Baustoff-Lobby. Im konsumindus-triellen Verwertungskreislauf ist das eine Schwachstelle. Denn wenn niemand an diesem Material verdienen kann, das zum Gutteil direkt am Baugrund liegt, fehlt ein wesentlicher Faktor zur kapitalistischen Dynamik - auch für positive Entwicklungen. Es bleibt dennoch die Frage offen, ob damit eine Renaissance des Lehmbaus von vornherein auf individuelle Nischen beschränkt bleiben muss, oder ob nicht doch in diesem Metier so schwer wiegende, unvergleichliche Qualitäten stecken, dass eine breitere Akzeptanz sich zwangsläufig einmal einstellen wird. Die Präsenz der wirtschaftlichen Globalisierung mit immer größeren, von der Ersten Welt gesteuerten Monopolen spricht gegen ein Konzept der Kultivierung von Ressourcen, die praktisch überall und kostenlos vorhanden sind.
Die technischen, ökologischen und gestalterischen Qualitäten des Bauens mit Erde sprechen trotzdem für sich: Wie kein anderer Baustoff erfüllt Lehm ökologische und baubiologische Anforderungen.
Er ist örtlich verfügbar, schont Ressourcen, ist beliebig wieder verwertbar, angenehm zu verarbeiten, wirkt wärmedämmend, gibt keine Schadstoffe ab, verbessert das Raumklima, reguliert die Luftfeuchtigkeit, bietet gute Schalldämmung und angenehme Oberflächentemperaturen, hält die relative Raumfeuchtigkeit konstant auf 45-55 %. Eine 40 cm starke Leichtlehmwand entspricht den Dämmwerten für Niedrigenergiebauten, ohne dass die Vorteile des homogenen Wandaufbaus verloren gehen.
Zum Vergleich: Beton- oder Ziegelbauten benötigen die 10 bis 20-fache Energie für Herstellung, Verarbeitung und Transport. Auch ihr Erhaltungsaufwand ist wesentlich höher, bedenkt man nur die Probleme, die mit Sichtbetonbauten nach einigen Jahrzehnten entstanden, an denen heute eine ganze Sanierungsindustrie verdient.
Im Aspekt der Nachhaltigkeit übertrifft Lehm sogar Holz durch den geringeren Aufwand an Primärenergie und durch die unbegrenzte Wiederverwertbarkeit. Es ist immerhin bemerkenswert, dass seit einigen Jahren immer mehr Firmen, auch große Baustoffkonzerne, Lehmputze und Lehmhalbfertigprodukte anbieten. Es fehlen allerdings entsprechend ausgebildete Handwerker und ausführende Firmen, und es fehlen einschlägige Lehrangebote an den Baufachschulen, den Fachhochschulen und Architekturfakultäten der Universitäten.
Das größte Potenzial für den Lehmbau liegt sicher in der Verbindung mit modernen Holzbautechniken, wie etliche neuere Bauten in Deutschland und Frankreich, in Italien und den angelsächsischen Ländern und nicht zuletzt die in diesem Band dokumentierten Beispiele in bestechender Form aufzeigen.
Das Know-how ist vorhanden, von Pionieren wie Martin Rauch erarbeitet und umgesetzt, die Modellbauten sind über alle rechtlichen und praktischen Hürden hinweg gelungen. Auch wenn es also für diesen Baustoff (noch) keine industrielle Lobby gibt: Das Stadium der naiven Alternative ist längst überwunden. Die Zukunft für modernen Lehmbau ist offen.
Aus: * Rammed earth Lehm und Architektur Hrsg. Martin Rauch Otto Kapfinger Verlag Birkäuser
 
Buch #2

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