Lehmarchitekturin Weilburg an der Lahn von Karl Heinz Striedter
Anders als in
Frankreich oder vielen anderen europäischen und
außereuropäischen Ländern, besitzt die Lehmarchitektur in
Deutschland keine jahrhunderte alte Tradition. Lehm als Baustoff wurde zwar
schon immer verwendet, aber stets nur in Verbindung mit anderen Materialien:
als Bindemittel bei Steinmauern, zusammen mit Holz, Geflecht und Stroh zum
Ausfachen beim Fachwerkbau oder als Bewurf.
Die Verwendung reinen Lehms als
Baustoff blieb baugeschichtliche Episode. Sie blieb beschränkt auf eine
Epoche zu Beginn des 19. Jahrhunderts sowie auf die Notzeiten nach den beiden
Weltkriegen. Die Wiederentdeckung und öffentliche Förderung des
Lehmbaus nach den beiden Weltkriegen weist die Lehmarchitektur in Deutschland
als eine Krisenarchitektur aus, als provisorischen Notbehelf.
In beiden
Fällen wurde der Baustoff Lehm sehr bald wieder durch industrielle
Baustoffe verdrängt. Die wenigen Protagonisten des Lehmbaus scheiterten an
der Ablehnung und dem Mißtrauen, die man - bedingt durch mangelnde
Kenntnis und Tradition - dieser Bauweise entgegenbrachte, und nicht zuletzt an
den Interessen einer expandierenden Baustoffindustrie, die natürlich das
Ihre dazu beitrug, den Lehm als Baustoff in Mißkredit zu bringen.
Die ersten Versuche zu Beginn des 19.
Jahrhunderts die Lehmarchitektur in Deutschland heimisch zu machen,
stießen bereits auf dieselben oder zumindest sehr ähnliche
Schwierigkeiten, wobei für das letztliche Scheitern dieser Versuche das
Fehlen einer einheimischen Lehmbautradition von ausschlaggebender Bedeutung
gewesen sein dürfte.
Die Einführung der
Lehmarchitektur in Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts geht zweifellos
zurück auf das Wirken des französischen Architekten Francois
Cointeraux, der 1790 in Paris sein Buch "Ecole d'Architecture Rurale"
veröffentlichte. Die Tatsache, daß dieses Buch bereits drei Jahre
später in deutscher Übersetzung unter dem Titel "Schule der
Landbaukunst" erschien, ist sicher ein Indiz dafür, daß in
Deutschland Bedarf und daher auch Interesse für eine alternative Bauweise
bestand. Cointeraux wurde rasch rezipiert. David Gilly setzt sich mit ihm -
wenn auch nicht gerade freundlich - in seinem "Handbuch der Land-Bau-Kunst",
Halle 1811, auseinander. In den folgenden Dekaden erscheinen eine Reihe von
Abhandlungen, deren Autoren über eigene Erfahrungen mit dem Lehmbau
berichten, darunter der Königl.-Preuß. Regierungs-Bau-lnspektors
Sachs mit seiner "Anleitung zur Erd-Bau-Kunst (Pise-Bau)", Berlin 1825, und
W.J.Wimpf aus Weilburg an der Lahn mit seinem Büchlein "Der Pise-Bau. oder
vollständige Anweisung, äusserst wohlfeile, dauerhafte, warme und
feuerfeste Wohnungen aus bloser gestampfter Erde, Pise-Bau genannt, zu erbauen,
Heilbronn 1841."
Wie viele Anhänger die
Lehmbauweise damals in Deutschland fand und in welchem Ausmaße Bauwerke
aus Lehm tatsächlich realisiert wurden, läßt sich heute kaum
mehr abschätzen. Ganz sicher jedoch fand die Lehmarchitektur keine
allgemeine Verbreitung, sondern blieb auf einige Regionen beschränkt,
darunter auch Weilburg an der Lahn und seine Umgebung. Weilburg dürfte
heute der Ort sein, der die meisten und die am besten erhaltenen Lehmbauten aus
jener Epoche besitzt. Das Beispiel Weilburg zeigt auch auf, wie sehr die
Einführung (und schließlich auch das Ende) einer alternativen
Technologie wie die des Lehmbaus, die nicht an lokale Bautraditionen
anknüpft, von einer einzelnen Person abhängt. Im Fall Weilburg waren
es ohne Zweifel die Initiative und Beharrlichkeit des Regierungsadvokaten und
»Besitzers mehrerer Fabriken« Wilhelm Jacob Wimpf, die dem Lehmbau
zum Durchbruch verhalfen und ihn für einige Jahrzehnte etablierten.
Das erste Lehmgebäude in Weilburg wurde
wahrscheinlich um 1796 errichtet. In einem Gesuch vom 14. Mai 1796 an den
Fürsten Friedrich Wilhelm (Hessisches Hauptstaatsarchiv, Abt. 151,Nr. 5
75) bittet eine Bauherrengemeinschaft um "gnädigste Erlaubniß, ein
feuerfestes Pise-Gebäude . . . errichten zu dürfen, und [um]
Verwilligung des dazu erforderlichen Holzes«. Dasselbe Dokument nennt
auch einen der ökonomischen Gründe, die damals die Einführung
des Lehmbaus begünstigt haben mögen, die Knappheit an Bauholz:
»Da wegen Mangel an Bauholz in sehr vielen Ortschaften keine neuen
Gebäude mehr aufgeführt werden könnten, so wäre das
vorgeschlagene Pisegebäude, dergleichen man in Pohlen, so wie in anderen
fruchtbaren, mit Bauholz aber nicht versehenen Gegenden viele antreffen solle,
als eine Probe in unserer Gegend allerdings zu unterstützen.
In der Tat war der Holzmangel, insbesondere der
Mangel an hochwertigen Hölzern im 17., 18. und beginnenden 19. Jahrhundert
ein großes wirtschaftliches Problem. Nicht nur das Bauwesen, sondern auch
die zahlreichen Köhlereien und der Bergbau (Grubenholz) ließen die
Waldbestände schrumpfen. Die übliche Beweidung des Waldes behinderte
überdies das Nachwachsen der Jungbestände. Indirekt läßt
sich die wachsende Holzverknappung auch an den Fachwerkbauten der damaligen
Zeit nachweisen, deren Gebälk im Laufe der Jahrzehnte immer leichter
konstruiert wurde. So entsprach der Lehmbau, für den nur
verhältnismäßig wenig Holz benötigt wird, durchaus den
ökonomischen Bedürfnissen jener Zeit. Die Tatsache, daß die
Unterzeichner des genannten Gesuches überdies das billige und für den
Fachwerkbau nur bedingt verwendbare Espenholz erbitten, mag den Fürsten
bewogen haben das Gesuch bereits am 19.Mai 1796 zu bewilligen.
Ein zweites Dokument, das sich auf den Lehmbau in der Weilburger
Gegend bezieht, trägt das Datum vom 1. August 1810. Es handelt sich um ein
an den Fürsten gerichtetes. positiv kommentierendes Begleitschreiben zu
einem Bericht des Bauinspektors Wirth. "die Aufnahme und Beförderung des
Pisebauens betreffend / (Hessisches Hauptstaatsarchiv Abt. 151. Nr.846). Auch
hier ist wieder vom Mangel an Bauholz die Rede und von der Notwendigkeit, eine
alternative Bauweise einzuführen. nämlich den Lehmbau. "Die Vorzuge
des Pisebau in Vergleichung mit Holz rücksichtlich auf Wohlfeilheit und
Dauerhaftigkeit, wie auch in Hinsicht der dadurch erreicht werdenden im Winter
wärmeren und im Sommer kühleren überhaupt gesünderen
Wohnungen sei es in öffentlichen Schriften besonders in den jüngeren
des Baumeisters Cointerau und Profeßor Seebas mit so vielen Gründen
auseinander gesetzt und durch Erfahrungen selbst hier bei dem
Regierungs-Advokaten Wimpf bewährt vvorden, daß der Erfolg nicht
zweifelhaft seyn könne. Aufgrund bisheriger Erfahrungen in der Weilburger
Gegend werden die beiden folgenden Forderungen erhoben:
1. Das Pisebauwesen müsse unter polizeilicher Aufsicht
stehen. 2. Es bedürfe Leute, die man als
Praktiker in dieser Arbeit zu Aufsehern und Meistern gebrauchen könne.
Offensichtlich waren 1810 zumindest in
Einzelfällen Lehmbauversuche mißlungen, was der Bahninspektor Wirth
auf mangelnde Sachkenntnis zurückführt. Den Mangel an Fachleuten als
Meistern eines neuen Handwerks.. sieht er als schwerwiegendes Hindernis
für eine Ausbreitung des Lehmbaus. In diesem Zusammenhang wird der
Fürst ersucht zwei Maurer vom Militär- und Frondienst freizustellen,
"welche sich durch mehrjährige Arbeit bei Wimpf die nötigen
Kenntnisse hierzu erworben hätten und gegebenenfalls bereit wären,
sich weiterhin dieser Bauweise zu widmen. Auch dieser Antrag wurde binnen
weniger Tage bewilligt. Von seiten der Regierung und der Behörden stand
man der Einführung des Lehmbaus also eher positiv gegenüber, wobei
freilich offen bleibt, ob man in ihm eine vollwertige Alternative oder
lediglich eine aus wirtschaftlichen Gründen zwar wünschenswerte, im
übrigen aber zweitklassige Lösung sah.
Ob Wilhelm Jacob Wimpf bereits an dem ersten oben crwähnten Pisebau in der
Weilburger Gegend direkt oder indirekt beteiligt war, muß vorerst offen
bleiben. Das zitierte Dokument aus dem Jahre 1810 beweist. daß Wimpf zu
diesem Zeitpunkt bereits über einschlägige Erfahrungen verfügte.
In seinem Buch Der Pise-Bau.. das er 1836 abschloss hebt er hervor,
daß er aus 36jähriger eigener Erfahrung schöpfe. Danach
dürfte er seine ersten Versuche mit der neuen Bauweise um 1800 angestellt
haben. Inwieweit er und womöglich auch andere aus seiner Umgebung sich
dabei ausschließlich auf das Buch von Cointeraux - sozusagen als
Anleitung - stützten oder ob man sich auch anderswo über die Praxis
des Pisebaus unterrichtete oder sachkundige Beratung erfuhr, bleibt im dunkeln.
Auch Wimpf teilt in seinem Buch leider nichts darüber mit, unter welchen
Umständen er von der neuen Bauweise erfuhr, und was ihn schließlich
dazu bewog, sich ernstlich mit ihr zu beschäftigen. Der Pisebau, wie er
seit Jahrhunderten im Mittelmeerraum verbreitet war und heute noch in
großem Maße im Süden Marokkos angewendet wird und wie er auch
in Weilburg praktiziert wurde, ist eine besondere Variante des Lehmbaus.
Ähnlich wie beim Beton verwendet man eine
Holzverschalung, in die man das Baumaterial einstampft. Als Material für
den Pisebau kommt jede Verwitterungserde - also kein Humus - in Frage, in der
Regel der Aushub aus der Baugrube. Steinige Erden haben sich besonders
bewährt; sie schwinden nur wenig beim Austrocknen und ergeben hohe
Festigkeit. Irgendwelche Zusätze werden nicht beigemischt. Die Erde wird
in feuchtem Zustand in die Verschalung eingestampft. Diese kann sofort nach dem
Einstampfen entfernt und weiter gerückt werden, um den
anschließenden Block zu stampfen. Ehe die zweite Schicht gestampft wird,
muß die erste leicht angetrocknet sein. Die verwendeten Verschalungen
können unterschiedliche Größe haben. Wimpf schlägt neben
kleineren Formen Verschalungen bis zu 10m Länge und 1,50m Höhe vor.
Im großen und ganzen hält er sich an die Anleitungen von Cointeraux,
entwickelt jedoch, speziell auch im Hinblick auf eine zweckmäßige
Verschalung, wesentliche, Praxis gerechte Verbesserungen, die ein zügiges
Bauen ermöglichen. Die Stärke der Pisewand beträgt im unteren
Stockwerk ca. 60cm (20Zoll) und vermindert sich in jedem weiteren um ca. 6cm
(2Zoll).
Wimpf hält. wie Cointeraux, ein
Steinfundament für den Pisebau für unabdingbar. Es soll hoch genug
sein (0,50 bis 1,00 m über dem anstehenden Erdboden), um die Pisewand
nicht nur vor Bodenfeuchtigkeit, sondern auch vor Spritzwasser vom Dachtrauf zu
schützen. Der bereits erwähnte Sachs hingegen hält dies
keineswegs für notwendig und hat nach eigenen Angaben auch mit
Pisefundamenten gute Erfahrungen gemacht.
Es kann
jedoch kein Zweifel bestehen, daß der Pisebau empfindlich ist gegen
Feuchtigkeit und daher insbesondere in den regenreichen Gebieten Europas eines
wirksamen Schutzes gegen Nässe bedarf. Daher kommt auch dem
äußeren Bewurf eine besondere Bedeutung zu. Während Cointeraux
einen Verputz aus Kalk und Sand, aus reinem Gips oder aus einem Gemisch aus
Kalk, Ton und Wollflocken oder Haaren propagiert, und Sachs einen Bewurf aus je
einem Teil Lehm, Kalk und Sand vorschlägt, begnügt sich Wimpf mit
reinem Lehm. Auf die gegebenenfalls aufgerauhte Wand wird ein mit Stroh
untermischter Lehmspeis aufgetragen, mit dem man alle Unebenheiten ausgleicht.
In den noch nassen Strohlehm wird sogleich ein nicht zu dünner Haarspeis
(Lehm vermischt mit Tierhaaren aus der Gerberei) eingerieben und
zusätzlich mit einem stumpfen Besen schräg von oben nach unten
eingedrückt. Diesen rauhen Bewurf läßt man austrocknen und
überzieht ihn noch einmal mit Haarspeis, der sorgfältig verrieben und
ab geglättet wird. Der Verwendung von Kalk steht Wimpf mit Skepsis
gegenüber. Er befürchtet, daß der Kalk sich nicht ausreichend
mit dem Lehm verbindet. Er hebt hervor, daß sein Putz nun schon 36 Jahre
halte, und kommt in einem Nachtrag zu seinem Buch zu dem selbstbewußten
Schluß: »Was nun den Bewurf betrifft, so werden schwerlich die
Chemiker was Besseres erfinden können, als was mich eine lange Erfahrung
belehrt hat.
Wimpfs Buch gibt nicht nur eine
praktische Anleitung zum Pise bauen, indem es in knapper Form alle wesentlichen
Aspekte darstellt, angefangen mit den notwendigen Gerätschaften, über
die geeigneten Lehmarten, das Auf- und Abschlagen der Verschalungen, das
Einstampfen des Lehms, das Verlegen der Deckenbalken, das Anbringen der
Tür- und Fensterfutter bis zum Verputz für innen und außen. Das
Buch läßt außerdem, wenn auch nur bruchstückhaft, die
ökonomischen Probleme im Zusammenhang mit der Bauwirtschaft erkennen und
zeigt die Schwierigkeiten auf, mit denen der Autor bei der Einführung des
Pise Baues zu kämpfen hatte.
Das Bauen
muß schon damals teuer gewesen sein, denn Wimpf spricht voller
Mitgefühl von seinen »Mitmenschen, die das Unglück haben, bauen
zu müssen, . . . und zeitlebens in Schuld und Ungeduld vegetieren«.
Das Bauen mit Natursteinen hält er zwar für solide, aber für
allzu kostspielig (Beschaffung des Materials, Löhne, usw.). Der Steinbau
sei außerdem kalt und feucht. Die Verwendung von Backsteinen nennt er
eine sündliche Verschwendung von Holz, das für das Brennen
benötigt werde. Wie schon in den oben zitierten Dokumenten, so ist auch
bei Wimpf häufig vom Holzmangel die Rede. Der Fachwerkbau ist schon aus
diesem Grund für ihn nicht diskutabel: zu den hohen Materialkosten
kämen noch hohe Lohnkosten für die Handwerker. Außerdem
böte das Fachwerkhaus nur unzureichend Schutz gegen Kälte und Hitze,
sei außerordentlich Reparatur anfällig und vor allem
äußerst Feuer gefährdet. »Wenn man sieht, wie für
die Stelle abgebrannter hölzerner Häuser ganze Waldungen
hundertjähriger Eichen niedergelegt werden, um daraus theure, schlechte
Wohnungen zu erbauen, die vielleicht der nächste Blitzstrahl in Asche
legt, so muß man eine solche Verblendung um so mehr bedauern, als bei uns
die Herzogliche Landes-Regierung diese Bauart dadurch besonders zu
begünstigen sucht. daß sie den mit Pise Bauenden das Holz aus den
Gemeindewaldungen unter dem laufenden Preis abgeben läßt. Die
Landesregierung muß also ein erhebliches Interesse an der Einführung
des Pisebaues gehabt haben. vielleicht nicht unbedingt, weil man von dieser
neuen Bauweise überzeugt war, sondern sicherlich in erster Linie, um die
Waldbestände zu schonen. Wimpf, der mehrere seiner eigenen Häuser.
darunter Fabriken. in Pise ausführen ließ, war ohne Zweifel fest
davon überzeugt, daß der Pisebau den anderen in der Weilburger
Gegend üblichen Bauweisen in jeder Beziehung ebenbürtig, ja sogar
überlegen sei, etwa hinsichtlich der Wärmedämmung. Hinzu kam der
beträchtliche Kostenvorteil (keine Material- und geringe Lohnkosten), der
zu jener Zeit erhebliches Gewicht gehabt haben muß. Sachs füllt
einen wesentlichen Teil seiner "Anleitung zur Erd-Bau-Kunst" mit
Kalkulationsbeispielen. Offensichtlich war für ihn der Kostenvorteil das
gewichtigste Argument für den Pisebau. Wimpf gibt an. ein Pisebau
verursache nur ein Viertel der Kosten eines vergleichbaren gemauerten Bauwerks,
was womöglich etwas übertrieben ist. In der Herstellung preiswerter
Wohnungen sieht er nicht nur ökonomische Vernunft, sondern auch ein
soziales Anliegen: »So erhalten die Menschen statt kostspieligen, kalten,
feuchten, feuergefährlichen Wohnungen, viel schneller äußerst
wohlfeile, gesunde, dauerhafte, warme und völlig feuerfeste Wohnungen. die
ebenso solid wie die besten gemauerten sind, und denen man die nämliche
Eleganz geben kann...
Trotz all dieser Vorteile
des Pisebaues, die auch seinen Zeitgenossen unmittelbar einleuchtend gewesen
sein müssen, hatte Wimpf mit erheblichen Widerständen zu
kämpfen, die in zählebigen, tief eingewurzelten Vorurteilen
gründeten. Das Festhalten am Hergebrachten ließ einer auch noch so
vernünftigen Alternative nur wenig Raum. Wimpf beklagt diesen Mangel an
Einsichtsfähigkeit und schreibt sie einer allgemeinen Dummheit zu. Seine
Gegner jedoch sieht er in den Handwerkern, die in den traditionellen Bauweisen
ihr Auskommen fanden und sich nun dem Pisebau verschlossen, der ja auch in der
Tat ihre ökonomische Existenz zumindest teilweise bedrohte. Er berichtet
von einem Zimmermann, der sich weigerte, den Dachstuhl für eines seiner
Pisehäuser zu machen: er prangert die »Eitelkeit und Selbstsucht der
Bauleute an und stellt schließlich fest: "Den Bauleuten gefallt es nicht,
daß ohne ihre Kunst Gebäude entstehen können. Sie warnen also
davor und bespötteln ein Leimenhaus als etwas Schimpfliches." Ein anderer
Vorwurf geht an die Adresse der Architekten. Wimpf wirft ihnen vor, sich nicht
mit der Lehmarchitektur auseinanderzusetzen, obwohl zahlreiche Publikationen
darüber vorlägen und man sie in Deutschland seit einiger Zeit und
anderswo seit Jahrhunderten praktiziere. Offenbar sähen sie ihre Aufgabe
allein in der Errichtung von Prachtgebäuden für die Reichen. Es sei
auffallend, daß sie ihre Eleven nur für die Pracht Roms und
Münchens begeistern und es ganz verschmähen, sie auch auf das zu
lenken. woran Millionen leiden, nehmlich an elenden Wohnungen, worin sie
schlechter als ihr Vieh vegetieren, und jährlich tausende vorzüglich
arme Kinder zu Grunde gehen. Neben der Diffamierung des Pisebaues durch die
Bauhandwerker und dem Desinteresse der Architekten sieht Wimpf zuweilen auch
Sabotage am Werk: "lch kenne einen Platz, wo man Höheren Orts des guten
Beispieles wegen ein ansehnliches Pise-Gebäude erbauen ließ, wo aber
absichtlich bei der Ausführung so viele faux frais gemacht wurden,
daß der Ruhm der Wohlfeilheit vernichtet wurde. Für die Durchsetzung
des Pisebaues hofft Wimpf auf die Trendsetter, zu denen er Behörden und
Reiche zählt: "Wenn öffentliche Gebäude in Pise aufgeführt
würden. und man daran auch Eleganz mit Zweckmässigkeit verbände,
was sehr wohl verträglich ist, wenn Reiche nicht verschmäheten, und
es ihnen nicht als schimpflich dargestellt würde. in dieser Bauart was
Vorzügliches entstehen zu lassen, so würde das alberne Vorurtheil
gegen ein Leimenhaus bald gestört seyn."
Mit
Befriedigung stellt Wimpf fest. daß in der Weilburger Gegend ein solcher
Wandel im Gange sei, und daß täglich neue Pise-Gebäude
entstünden. Er erwähnt ein Gießhaus. das der Fürst von
Braunfels auf der Oberndorfer Eisenhütte erbauen ließ. einen
Gartensalon und ein dreistöckiges Wohnhaus, das Weilburger Bürger
errichteten. Ein General habe auf seinem Landgut ansehnliche Pisegebäude
sowie auch einige "Ökonomiegebäude" in Wiesbaden aufgeführt.
allerdings wenig Nachahmer gefunden. Im Nachtrag zu seinem Buch stellt Wimpf
1841 fest, daß seine Bemühungen im engeren Umkreis Früchte
getragen hätten. In Weilburg seien allein in den letzten beiden Jahren
vier recht ansehnliche dreistöckige Pisegebäude entstanden, und in
den umliegenden Dörfern habe man eine Menge recht schöner
Bauernhäuser. Scheunen und Stallungen in eben dieser Technik gebaut.
Es ist schwierig abzuschätzen, in welchem
Ausmaß der Pisebau gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts in Weilburg und
Umgebung praktiziert wurde. Näheren Aufschluß darüber konnte
das Studium der einschlägigen Akten geben, die zum großen Teil noch
erhalten sind. Über das Ende der Lehmarchitektur in der Weilburger Region
und die Gründe dafür Iassen sich zur Zeit ebenfalls keine Angaben
machen. In Weilburg und Umgebung sind eine Reihe von Lehmbauten aus der ersten
Hälfte des 19.Jahrhunderts erhalten geblieben. In der Stadt selbst sind es
etwa zehn. Diese Bauten sind heute rund einhundertfünfzig Jahre alt und
belegen anschaulich Wimpfs Behauptung über ihre Dauerhaftigkeit. Die
meisten dieser Häuser stehen an stark befahrenen Durchgangsstraßen
und weisen bis heute - im Gegensatz zu anderen Bauwerken - keinerlei Risse auf.
Selbstverständlich haben sie im Laufe der Zeit ihr Aussehen
verändert. Sie sind modernisiert worden und dienen als
Geschäftsräume und vor allem als Wohnungen. Die Bewohner, nach der
Qualität ihrer Wohnungen befragt, heben stets die hervorragende
Wärmedämmung des Pisebaues hervor.
Wimpf hat also sein Versprechen erfüllt. Die Lehmarchitektur
hat sich auch in unserem feuchten Klima bewährt. So ist es nicht
verwunderlich, daß manche Architekten an eine Wiederbelebung der
Lehmarchitektur, auch in Europa. denken. Ob sie eine Chance hat, sich in einer
industriellen Gesellschaft durchzusetzen, oder ob sie vielmehr als alternative
Bauweise eine alternative (vielleicht postindustrielle) Lebensweise
voraussetzt, muß einstweilen dahingestellt bleiben.
(Für die Unterstützung bei meinen Recherchen danke
ich Herrn Wilhelm Schick, dem Vorsitzenden der Bürgerinitiative \
Alt-Weilburg.) Karl Heinz Striedter