Kurze Geschichte des Lehmbaus in Deutschland Burkhard Rüger Lehmbaukontor
"Auch Bruchsteine und Ziegel
sind bei ihnen nicht in Gebrauch; zu allem verwenden sie unbehauenes Bauholz
mit seinem unschönen, reizlosen Aussehen. Manche Wandstellen bestreichen
sie freilich recht sorgfältig mit so sauberem, glänzendem Lehm,
daß es wie eine Bemalung und farbige Verzierung wirkt." Tacitus:
Germania, um 100 v. Chr.
Seit jeher kommt
Lehm als natürliches Baumaterial in fast allen dicht besiedelten Gegenden
in ausreichenden Mengen vor. Er war schon Baustoff der ersten städtischen
Siedlungen in Mesopotamien vor zehntausend Jahren.
Der berühmte Turm
von Babel aus dem 7. Jh. v. Chr. mit einer Höhe von 90 m war aus Lehm.
Auch die Chinesische Mauer aus dem 3. Jh. v. Chr. zeugt noch heute von der
Festigkeit des Materials. Lehmbautechniken sind in allen Erdteilen verbreitet.
Bewohner von Lehmbauten kennen und schätzen die bauphysikalischen
Vorzüge ihrer Häuser, denn sie haben ein gesundes, ausgeglichenes
Raumklima, sind im Sommer kühl und im Winter warm.
Hierzulande trat
Lehm am stärksten als Ausfachung traditioneller Fachwerkhäuser in
Erscheinung und verdrängte wegen Holzmangel und besseren
Brandschutzverhaltens regional den von Tacitus erwähnten germanischen
Holzbau. Bis in die dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts war Lehm einer
der fünf oder sechs wichtigsten Baustoffe und wurde fast in jedem Haus in
Deutschland verbaut. Er fand Verwendung zur Schalldämmung als Einschub in
Holzbalkendecken, zur Wärmeregulierung als Stakung zwischen Dachsparren,
um Balkenköpfe im Mauerwerk zu schützen oder um Rohren in
Rohrleitungsschlitzen Bewegungsfreiheit zu lassen.
Die Mehrzahl der seit
1980 in Deutschland neu errichteten "Lehmbauwerke" knüpfen an die
Skelettbauweise der alten Fachwerkhäuser an, haben sich jetzt jedoch zu
modernen Holzkonstruktionen weiterentwickelt. Das Prinzip blieb erhalten: das
Holzskelett bildet das lasttragende Ständerwerk, dessen nichttragende
Zwischenräume (Gefache) meist mit Leichtlehm oder mit Massivlehm
ausgefüllt werden.
Leichtlehm ist ein Gemisch von Stroh- oder
Holzschnitzeln und Lehm; es kann aber auch Blähton, Bims oder
ähnliches pori-ges Material zugemischt werden. Diese Leichtlehmmischung
kann in eine Schalung gestampft oder in Form (immer ungebrannter) Steine
verarbeitet werden. Massivlehm ist Lehm ohne Beimengungen von Holz und Stein
und wird im Holzskelettbau meist in Form von Lehmsteinen zwischen den
Ständern vermauert. Er kann aber auch gespritzt werden. Für den
Aufbau der heute i.d.R. mehrschaligen Außenwand gibt es verschiedene
Konstruktionen; er muß den gesetzlichen, örtlichen, klimatischen,
konstruktiven Gegebenheiten entsprechen und den persönlichen Anforderungen
und finanziellen Möglichkeiten des Bauherren. Andere für den Lehmbau
interessante Formen des modernen Holzbaus sind der Holzelementbau und der
Holzrahmenbau.
Es gibt aber auch bei uns typische
Massivlehmhäuser, bei denen der Lehm ohne Stützkonstruktionen die
Lasten selbst abträgt. Doch anders als in Frankreich, in vielen
europäischen und außereuropäischen Län-dern mit
jahrhunderte- oder jahrtausendealter Lehmbautradition wurde der Massivlehmbau
in Deutschland erst im 18. Jh. eingeführt, und zwar 1764 durch einen
Erlaß Friedrich II. und durch Autoren wie D. Gilly in Berlin und W.J.
Wimpf in Weilburg an der Lahn.
Der Massivlehmbau galt als holz- und natursteinsparende, feuersichere Bauweise
und wurde deshalb von den kostenbewußten Fürsten gefördert,
mitunter auch verordnet. Der Impuls kam aus Frankreich, wo der Pisé-Bau
als Folge der Revolution einen weiteren Aufschwung erlebt hatte. Die kurze
Blütezeit des deutschen Massivlehmbaus währte jedoch nur bis zum
Beginn der Industrialisierung mit ihren neuen Möglichkeiten preiswerter
Kunststeinherstellung.
Nur in den Notzeiten nach den verlorenen Weltkriegen
griff man in Deutschland wieder auf die Massivlehmbauweise zurück, kam
aber kaum über Versuche hinaus. Dennoch finden sich aus diesen Jahren
erhaltene Lehmbauwerke in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR nach
1945, auch in der Umgebung Berlins. Die lasttragenden Wände massiver
Lehmhäuser können zwischen Schalbrettern gestampft (Pisé), aus
luftgetrockneten Lehmsteinen aufgemauert sein (Adobe), aus handgeformten Patzen
oder "Lehmbroten" ohne Mörtel geschichtet oder schichtweise aus einer
Stroh-Lehmmischung errichtet werden, die jeweils festgetreten wird (Wellerbau).
Moderner Massivlehmbau spielt - anders als z.B. (in den wärmeren Gebieten)
der USA, Frankreichs und Australiens -, in Deutschland noch keine Rolle und
beruht i.d.R. auf der Stampflehmtechnik.
Wegen
ihrer Putzfassaden sind die alten Massivlehmhäuser äußerlich
meist nicht als Lehmbauten erkennbar.
Zeittafel: 9. Jh.
Älteste archäologische Funde von Massivlehmbauten am Südrand des
Harzes. Ab 12. Jh. Nachweis meist eingeschossiger
Massivlehmbauten Spätmittelalter Blütezeit des
Fachwerkbaus, Ausfachung der Felder mit Lehm. 1596 Erwähnung
des ältesten erhaltenen Lehmpatzenbauwerks, des Metzenhofs in Dothen,
Kreis Jena. 1575 Die "Generalbestellung für die Forstbedienten"
in Sachsen schreibt vor, Bauholz nur dann freizugeben, wenn es unmöglich
ist, die unteren Geschosse aus Steinen oder Lehmwellerwänden zu
errichten. 1764 Erlaß Friedrich II. zur Einführung des
Massivlehmbaus in Preußen 1786 in Sachsen: Gesetzliche
Einführung des Massivlehm- und Fachwerkbaus in Sachen 1790 Der
französische Architekt F. Cointeraux beschreibt in seiner "Ecole
d'Architecture Rurale", den Stampflehmbau (Pisé, von frz. piser =
stampfen) als "Schule der Landbaukunst" in Deutschland. Das Buch erscheint 1793
und zieht zahlreiche deutsche Veröffentlichungen nach sich. Um
1790 In Kleinmachnow bei Berlin erregt ein Herrenhaus aus luftgetrockneten
Lehmziegeln Aufsehen, gebaut von D. Gilly, Architekt und preußischer
Baubeamter, der sich für die Einführung des Massivlehmbaus einsetzte.
Von dem im letzten Krieg zerstörten Haus ist jedoch nur noch ein Haufen
Lehm übrig. 1797 Das "Handbuch der Land-Bau-Kunst" von D. Gilly
erscheint und wird bis 1836 sechsmal aufgelegt. Die von Gilly propagierte
Stampflehmbauweise zeichnet sich durch einen erheblich reduzierten Holzbedarf
aus, da aus Mangel an Bauholz in sehr vielen Ortschaften keine neuen
Gebäude mehr ausgeführt werden konnten. Ab 1800 Der
Lehmstampfbau (Einstampfen in Holzschalung ähnlich Betonbau) löst den
Wellerbau ab. 1800 bis 1840 In Weilburg/Lahn errichtet W.J. Wimpf mehrgeschossige, noch heute gut
erhaltene Wohnhäuser in Stampflehmbauweise 1825 Der
Preußische Regierungs-Bau-Inspektors S. Sachs veröffentlicht eine
"Anleitung zur Erd-Bau-Kunst (Pisé-Bau)" 1836 W.J. Wimpf
veröffentlicht "Der Pisé-Bau, oder vollständige Anweisung,
äußerst wohlfeile, dauerhafte, warme und feuerfeste Wohnungen aus
bloser gestampfter Erde, Pisé-Bau genannt, zu erbauen" Ab 1870
Der Lehmbau wird weitgehend durch industriell gefertigte, preiswerte gebrannte
Ziegel verdrängt. Mit ihnen werden die Massenquartiere der entstehenden
Industriearbeitersiedlungen und die Gewerbe- wie Versorgungsgebäude
errichtet. 1918 bis 1928 Zur Überwindung der Folgen des Ersten
Weltkriegs werden ca. 20.000 neue Lehmhäuser gebaut. Der "Deutsche
Ausschuß zur Förderung der Lehmbauweise" richtet regionale Lehr- und
Beratungsstellen ein. Erste wissenschaftliche Untersuchungen zu Druckfestigkeit
und Brandverhalten von Lehm sowie Lehmprüfungen erfolgen. 1928
fanden 29 Sachverständigentagungen zur Förderung des Lehmbaus
statt 1923 bis 1949 Im Umkreis von Bethel bei Bielefeld werden auf
Initiative des Pastors G. von Bodelschwingh über 350 Häuser im
"Dünner Lehmbrote-Verfahren" gebaut. Bei der aus Ostafrika entlehnten
Technik werden brotförmige Lehmballen feucht im Mauerwerksverband
vermauert 1940 bis 1945 Viele Architekten, darunter Le Corbusier in
Frankreich, Frank Lloyd Wright in den USA und Albert Speer in Deutschland
befürworten mit unterschiedlichen Motiven die Wiederaufnahme der
Lehmbauweise 1944 "Behelfsfibel für den Lehmbau" und die
"Lehmbauordnung" erscheinen. Lehmbau als Behelfs- und Ersatzbauweise unter den
Bedingungen des "totalen Krieges" Nach 1945 Auch in den ersten
Nachkriegsjahren bleibt Lehm en vogue. H. Henselmann, Architekt der Berliner
Stalinallee, beschäftigt sich mit Lehm, und Otto Bartning
äußerte: "Wir dachten bei unserem Lehm ja nur ein bißchen an
die Gegenwart, die keine Kohle und keine Transportmittel hat. Sobald es genug
Kohle gibt, werden wir sicher wieder Ziegel brennen." 1948 Niemeyer:
"Der Lehmbau." 1951 Baunorm DIN 18 951 "Lehmbau"; sie folgt
wörtlich der "Lehmbauordnung" von 1944 und wird 1971 ersatzlos
zurückgezogen. Bis 1952 werden auf dem Gebiet der DDR 17.300
Gebäude in Lehmbauweise errichtet. Es entstehen Beratungsstellen und
Lehmbauschulen. 1960 Ende des Lehmbaus in der DDR. 1970
Wiederentdeckung der alten Lehmbautechniken in der Dritten Welt. In den USA
werden im Rahmen der Hippiebewegung erste moderne Lehmhäuser gebaut.
Ab 1980 Die Ökologie-Diskussion führt zur Wiederentdeckung
des Lehms als Naturbaustoff, der den Kriterien der Nachhaltigkeit optimal
entspricht. Beginn der Entwicklung des modernen Lehmbaus in Deutschland.
1983 Franz Volhard: Leichtlehmbau, Alter Baustoff - neue Technik,
C.F. Müller Verlag. 1985 Jürgen Schneider: Am Anfang war
die Erde, Sanfter Baustoff Lehm, Frankfurt/Köln. 1986
Keppler/Lemke: Mit Lehm gebaut, Block-Verlag, München 1987
Ingolf Stein/Tamara Leszner: Lehmfachwerk, Rudolf Müller Verlag.
1994 Gernot Minke: Lehmbau-Handbuch, Öko-Buchverlag, Staufen.
1997 Anne-Louise Huber/Thomas Kleespieß/Petra Schmidt: Neues
Bauen mit Lehm, Öko-Buchverlag, Staufen.