Der Lehmbau in Berlin und Brandenburg Burkhard Rüger, Lehmbaukontor
Um die
einigermaßen verwirrende Vielzahl der Lehmbautechniken zu
überblicken, empfiehlt sich eine Unterscheidung nach drei
Merkmalen: 1. Wie werden die Lasten
abgetragen?
Ein Lehmbauwerk kann selbsttragende Wände oder ein
tragendes Holzskelett wie z.B. die historischen Fachwerkhäuser haben.
Selbsttragende Lehmwände tragen die Lasten direkt ab, bei
Fachwerkhäusern übernimmt diese Funktion ein Holzskelett. Moderne
Holzskelettbauwerke mit Lehmausfachung werden auch Lehmständerbauwerke
genannt.
2. Wie wird der Baustoff
eingebracht? Entweder in Form von Lehmsteinen, oder der Lehm wird in
eine Schalung geschüttet und festgestampft. Beim Bau mit Lehmsteinen wird
der Baustoff vorgeformt, getrocknet (nicht gebrannt!) und vermauert. Der Lehm
kann auch erdfeucht vermauert werden, wofür er von Hand zu "Broten" oder
maschinell zu Lehmsträngen geformt wird. Dagegen wird der Lehm beim
Lehmstampfbau ungeformt in eine Schalung eingebracht und anschließend
verdichtet. Eine Sonderform des Lehmstampfbaus ist der Wellerbau, der ohne
Schalung auskommt und die Wand erst nach dem Trocknen glattsticht.
3. Wie wird der Baustoff Lehm
aufbereitet?
In der Regel als Massivlehm oder als Leichtlehm: Beim
Mas-sivlehmbau wird Lehm so verarbeitet, wie er gefunden wird, aus
konstruktiven Gründen werden oft auch Zuschlagstoffe wie Steine, Stroh,
Zweige zugemischt.
Beim Bauen mit Leichtlehm werden zur Erhöhung der
Wärmedämmung größere Mengen porigen Materials
beigefügt. Das können Holzschnitzel, Blähton, Bims oder Stroh
sein. Der Strohanteil wird so bemessen, daß das Gewicht des Leichtlehms
weniger als 1200 kg/m3 beträgt. Die Leichtlehmbauweise ist eine moderne
Technik.
Die älteste Lehmbauweise ist der Lehmsteinbau. Aus geformten
und an der Luft getrockneten Lehmstei-nen, zuerst mit Lehm-, später mit
Kalkmörtel vermauert, bauten die Menschen ihre ersten Städte.
Wandkonstruktionen aus luftgetrockneten Lehmziegeln, in Nord-, Mittel- und
Südamerika als "Adobe" bezeichnet, sind noch heute in allen tropischen und
subtropischen Gegenden der Erde verbreitet. Eine Sonderform des Lehmsteinbaus
ist die aus Afrika entlehnte "Lehmbrote-Bauweise", mit der nach dem Ersten
Weltkrieg im Selbsthilfeverfahren eine Vielzahl von Wohnhäusern für
die Kranken-, Heil- und Fürsorgeanstalten Bethel in Bielefeld errichtet
wurden, die bis heute in Gebrauch sind.
Statt luftgetrockneter Lehmziegel
wurden hier ungetrocknete, feuchte Lehmziegel vermauert. Sie wurden
hergestellt, indem eine Mischung mit relativ geringem Tonanteil zu etwa 25 x 10
x 10 cm großen "Lehmbroten" mit allseits runden Kanten geknetet wurde.
Diese Ziegel verlegte man in feuchtem Zustand ohne Mörtel im
Mauerwerksverband, wobei zur Erhöhung der Festigkeit häufig Reisig
zwischen die Schichten gelegt wurde.
Der Lehmstampfbau ist die
zweitälteste Lehmbauart, aber in Deutschland erst seit Ende des 18. Jh.
verbreitet. Als Erfindung der Römer war er in Frankreich und anderen
Ländern des Mittelmeerraumes bis ins ausgehende Mittelalter verbreitet.
Heute wird er meist "Pisé" oder Pisé-Bauweise genannt, nach dem
französi-schen Wort "piser" = stampfen. Die in Deutschland bekanntesten
und gut erhaltenen Pisé-Gebäude sind die mehrgeschossigen
Wohnhäuser von W.J. Wimpf in
Weilburg/Lahn. Zentren des modernen Lehmstampfbaus sind Frankreich, die
USA, Australien, aber auch Österreich, wo
Martin Rauch Pionierarbeit leistet.
Beim Lehmstampfbau wird Lehm in etwa 10 cm dicken Schichten in eine
Schalung geschüttet und festgestampft. Dafür werden heute moderne
Systemschalungen und Preßluft- oder Elekrostampfer verwendet. Faserige
und steinige Zuschläge erhöhen die Festigkeit des Lehms.
Die in unseren Breiten jahrhundertelang und bis
zur Mitte des vorigen Jahrhunderts übliche Bauweise - das Holzfachwerk mit
sichtbarem, tragenden Gerüst und mit Lehm ausgefachten Feldern in
Wänden und Decken - ist eine Lehmständerbauweise.
In die Gefache
wurden senkrecht gespaltene, dickere Hölzer einge-setzt und mit biegsamen
Weiden- oder Haselnußruten umflochten. Dieses Flechtwerk erhielt
beidseitig eine Bewurf mit Strohlehm und abschließend eine
geglättete Oberfläche. Bei der sog. Stakung wurden die ge-spaltenen
Hölzer mit Strohlehmsträngen umwickelt und in Nuten der Gefache oder
Deckenbalken einge-schoben. Die Gefache konnten aber auch mit in einer Form
selbst produzierten luftgetrockneten Strohlehmsteinen ausgemauert sein.
Vorteilhaft für regenreiche Gebiete war (und ist) der Fachwerk- und
Ständerbau, weil die Lehmarbeiten nach Errichten des Holzskeletts unter
dem gedeckten Dach ausgeführt werden. Ein
deutlicher Hinweis auf die frühere
Allgegenwart und Bedeutung des Lehms sind die Orts- und Familiennamen Letter,
Kleiber (Lehm und Kleben sind wortgeschichtlich verwandt) und in Brandenburg
und Berlin die Ortsnamen Glindow, Glienicke und ähnliche nach dem
slawischen Wort glin für Lehm. Das Wort Wand gibt Auskunft über die
alte Technik, Weiden- oder andere elastische Zweige um die Stakhölzer im
Gefach zu winden, um die Wände der Fachwerkhäuser zu errichten.
Lehm kommt in der Mark Brandenburg relativ
häufig vor. Besonders nördlich von Berlin gibt es große
Flächen eiszeitlichen Geschiebelehms. Schwerer erkennbar sind die
großen Gebiete mit Flußlehmvorkommen, auch Auelehm genannt, z.B.
entlang von Oder und Havel. Eiszeitlicher Geschiebelehm ist allenthalben in
unserer Landschaft zu finden. Er steht direkt unter der Oberfläche, unter
dem Mutterboden an. Seltener sind Lettelehme, die als Ablagerungen
eiszeitlicher Seen entstanden, wobei sich einzelne Schichten wie Baumringe
genau unterscheiden lassen. Lettelehm ist für Lehmbauer sehr interessant,
weil er nahezu steinfrei ist.
Typisch für
die Mark Brandenburg war das Vorherrschen des Fachwerkhauses mit einer
großen Vielfalt unterschiedlicher Techniken der Ausfachung. Am
bekanntesten ist die Auszäunung mit Weidenzweigen um Stakhölzer.
Vereinzelt kommen Wellerwände mit umwickelten Staken im Gefach oder in
Zopftechnik vor. Häufig wurden die Staken einfach ins Gefach gestellt und
beidseitig mit Strohlehm beworfen. Diese Vielfalt hängt mit der Geschichte
unserer Region zusammen, die seit dem Mittelalter in regelmäßigen
Wellen vom Westen Deutschlands her besiedelt wurde. Die Menschen brachten aus
ihrer Heimat nicht nur ihre Ortsna-men, sondern ebenso ihre Lehmbautechniken
mit. Lehmbauphasen in der Mark Brandenburg In Preußen propagierte die
Obrigkeit im Zuge ihrer Wirtschafts- und Bevölkerungspolitik seit der
Mitte des 18. Jh. aus vielen Gründen den Lehmbau.
Propagiert wurde
eine Bauweise, bei der die Wände aus Lehm ohne Holzskelett die Lasten
abtragen. Sie benötigte viel weniger Holz als ein Fachwerkhaus. Die
Wälder waren zu Beginn der Industrialisierung durch die Köhlerei
für Glas- und Keramikmanufakturen, für Erzberg- und Schiffsbau stark
beansprucht. In den Dörfern mit ihren eng stehenden stroh- und
reetgedeckten Fachwerkhäusern brannte es häufig, die rege
Bautätigkeit nach den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges
sowie eine 1781 einsetzende Schädlingsplage in den Wäldern taten ein
übriges. In der Mitte des 18. Jh. beginnt der Massivlehmbau, der aber zum
20. Jh. hin wieder an Bedeutung verlor. In den Notzeiten nach beiden
Weltkriegen und mit Beginn der Ökologiebewegung besann man sich aus
unterschiedlichen Gründen wieder auf den Baustoff Lehm.
Wir haben also drei Zeiträume, in denen der Lehmbau aus
verschiedenen Gründen und mit unterschiedlichen Schwerpunkten und
Anwendungsprofilen in der Region Berlin eine Rolle spielte. 1. Phase:
"Vorteilhafte Lehmbaukunst" (ca. 1760-1840)
Für die
Einführung des Massivlehmbaus in der Mark spielte David Gilly (1748-1804),
königlicher Geheimer Ober-Bau-Rat, Mitbegründer und Lehrer an der
Berliner Bauakademie, eine zentrale Rolle. Er widmete sich u.a. dem
ländlichen Bauen - der größte Teil der Bevölkerung lebte
auf dem Land - und veröffentlichte 1790 das schmale Büchlein
"Beschreibung einer vorteilhaften Bauart mit getrockneten Lehmziegeln". Kurz
zuvor hatte er anonym die "Praktische Abhandlung aus der Landbaukunst,
betreffend den Bau der sogenannten Lehm- und Wellerwände" publiziert.
Gilly setzte sich Zeit seines Lebens mit der Lehmbautechnik auseinan-der.
Anfangs polemisierte er stark gegen den Pisébau, milderte diese Haltung
aber später ab. Sein Hauptinteresse galt dem Lehmpatzenbau, den er aus
Witterungsgründen wegen des besseren Schutzes während der Bauzeit
für unsere Region bevorzugte.
Die damalige Diskussion, in
anschaulicher Sprache geführt, zeichnet sich durch eine vorurteilsfreie,
genaue Beschreibung aus, wie die folgenden Zitate zeigen: "So stark ist die
Kohäsion der Lehmziegel mit dem Lehm, womit sie vermauert werden, und da
die Austrocknung des Lehms in den Fugen bald erfolgt, so ist auch weit eher auf
diese Kohäsion zu rechnen, als bei Mörtel und gebrannten Steinen."
Als Vorteil wird das rasche Austrocknen der Lehmwände hervorgehoben,
weshalb das gefürchtete Trockenwohnen bei Lehm-häusern entfällt.
Über das Putzen ist vermerkt: "Die inneren Flächen der Lehmwände
werden bloß mit Lehm, der mit etwas scharfem, reinen Sande vermischt ist,
mit dem Reibebrette glatt gerieben, sodann aber mit dünnem Kalk
abgeweißt oder eine Kreide oder anderer Grund von Erdfarben zur Malerei
aufgetragen. (...) Den aus Lehmpatzen, Lehmsteinen, Pisé oder
überhaupt aus Lehm geführten Mauern einen haltbaren
äußeren Abputz und dadurch zugleich die nötige Decke gegen
Einwirkung der Witterung zu geben, ist eine der schwierigsten Aufgaben und hat
manche Baumeister beschäftigt.
Aus dieser ersten Phase neuzeitlichen
Lehmbaus in der Mark sind Gebäude erhalten. Ein Beispiel ist das kleine
Ernhaus in Beerbaum, nahe Bad Freienwalde - ein Mittelflurhaus, links
Wohnräume, rechts Ställe, in der Mitte die sehr kleine schwarze
Küche mit offenem Herdfeuer. Es wurde außerhalb der
weitläufigen Gutsanlage 1804 in Stabpisé-Bauweise errichtet. In den
Geschiebelehm mit seinem runden Korn wurden sehr regelmäßig in jede
Stampfschicht diagonal Schwachhölzer als Bewehrung gegen das Schwinden
eingelegt. Sie enden bündig und dienen nicht als Putzträger. Auf die
Stampflehmwand wurde eine 1,5 cm dicke Putzschicht aus Lehm mit sehr viel Stroh
aufgezogen, die, nachdem sie angezogen, aber noch nicht durchgetrocknet war,
als Wetterschutz einen sehr dünnen Kalkmörtelüberzug erhielt.
Diese Putze sind bei den zweihundert Jahre alten Häusern oft noch im
Original erhalten, also äußerst haltbar. Das Wissen dar-über
ging offensichtlich im Laufe der Zeit verloren. Neben der unteren Schicht sind
auch die Fensterlaibungen aus gebrannten Steinen gemauert. Leider ist das Haus
kaum mehr als eine Bauruine. Es wäre höchste Zeit, das vom
Denkmalschutz als sehr wertvoll eingestufte Haus beispielhaft zu
rekonstruieren.
Dieselbe Bauweise hat ein Haus in Wensickendorf
nördlich von Berlin, allerdings mit einer zeittypischen Putzfassade, zu
deren Haftung vermutlich Drähte gespannt wurden. In seiner "Beschreibung
einer vorteilhaften Bauart mit getrockneten Lehmziegeln" von 1790 beschreibt
Gilly jene Lehmbauweise, für die er sich zeitlebens am heftigsten
engagierte und die vermutlich die weiteste Verbreitung erfuhr: "Wenig bekannt,
aber ungleich vorteilhafter (als Wellerbau) ist die Bauart mit getrockneten
Lehmziegeln, die man auch Lehmpatzen oder ägyptische Ziegel zu nennen
pflegt. Sie hat unter ande-rem auch den hauptsächlichen Vorzug, daß
die Wände gleich von einem bereits trockenen Material ausgeführt
werden, mithin geschwinder dargestellt und mit dem nötigen Dachwerke
versehen werden können. Es wird nämlich mit Wasser erweichter Lehm,
welcher eben von keiner vorzüglichen Güte sein darf, mit etwa drei
Zoll lang gehacktem Stroh und besonders mit vielen Flachsschefen meliert,
durcheinander getre-ten und davon in einer im Lichten 15 Zoll langen,
siebeneinhalb Zoll breiten und sechs Zoll hohen hölzernen Form (wie die
gewöhnlichen zum Ziegelstreichen) (40 x 20 x 16 cm) in freier Luft die
Lehmziegel gestrichen; diese Lehmziegel legt man einige Zoll weit auseinander
mit der breiten Seite auf die Erde zum Trocknen; wenn sie in der Art etwas
betrocknet sind, werden sie auf die hohe Kante gestellt, damit auch die andere
Seite betrocknet. Hierauf legt man sie auf zwei nebeneinander auf der Erde
gestreckte Latten, ebenfalls einige Zoll auseinander, damit die Luft alle
Seiten des Ziegels bestreichen kann. Bei guter trockener Witterung sind die
Lehmziegel in drei höchstens vier Wochen durchaus trocken und erhalten,
wenn viel gehacktes Stroh, und was noch besser ist, recht viele Flachsschefen
dazu genommen werden, eine solche Festigkeit, daß man nicht im Stande
ist, mit dem Mauerhammer stückweise etwas davon loszuhauen, sondern es
müssen die sogenannten Quartierstücken zum Verband der Mauer mit der
Säge davon abgeschnitten werden."
1830
ließ Graf von Arnim im Dorfkern von Hohenschönhausen, damals 5 km
nordöstlich vor Berlin, ein Landarbeiterhaus für 8 Familien
errichten. Es mißt 10 x 40 m, ist zu beiden Achsen spiegelbildlich
angelegt, jede Hälfte aber noch einmal in sich geteilt, so daß sich
jeweils vier kleine schwarzen Küchen um einen Schornstein gruppieren. Im
Dachboden ist an den Stirnseiten jeweils eine Gesindekammer eingestellt. Die
Südfassade hat eine 40 cm dicke Lehmpatzen-Wand, die nördliche
Längsseite ist aus gebrannten Steinen errichtet, die Scheidewände
innen aus Lehm- oder Luftsteinen mit Lehm verputzt. Die Lehmpatzen messen 14 x
14 x 30 cm. Der ursprüngliche Lehmfußboden wurde kurz vor der
Jahrhundertwende durch einen Holzfußboden ersetzt. Im übrigen ist
das Haus, abgesehen von Bauschäden, im Originalzustand, im Berli-ner Raum
also eine Rarität.
Zeitung!!! Reine Pisé-Bauwerke sind in
unserer Region schwer zu finden und sehr selten. In Pessin, westlich von Nauen,
stand bis vor kurzem eine Scheune, 60 x 15 m Umfang, die Außenwände
5 m hoch, 55 cm dick, mit 7 cm Stampfhöhe Der Franzose F. Cointeraux
verfaßte nach seiner bekannten Schrift über den Stampflehmbau auch
ein Buch über den Kalk-Pisé-Bau, der in der Mark auch von Friedrich
Engels, geboren in Wrietzen, verbreitet wurde. "Nachbildungen" dieses
Verfahrens sind die heutigen Kalksandsteine. Die in unserer Region häufig
anzutreffende Mischbauweise propagierte Engels im "Handbuch des
landwirt-schaftlichen Bauens", das bis 1923 in 11 Auflagen erschien.
Ein
Beispiel für die Mischbauweise ist die Ruine des Stallgebäudes der
Kompturei Lietzen, bei der außen jede vierte Schicht aus gebrannten
Steinen gebaut wurde. Diese Art des Bauens, überall im Land verbreitet,
steht ganz im Widerspruch zu den Emp-fehlungen der Lehmbauer späterer
Jahrzehnte, nämlich Mischbauweisen auf alle Fälle zu
vermeiden.
2. Phase: Niedergang und
notbedingte Aufschwünge (1850-1945)
"Der Lehmbau ruft keine
Industrie hervor und entbehrt einer solchen, muß sich sogar oft
industrieller Gegnerschaft erwehren." "Der Ziegler soll nicht denken, daß
der Lehmbau tot ist. Jedes Lehmhaus, das ausgeführt wird, ist ein
Nachteil für die Ziegelindustrie." Mit derartigen und ähnlichen
Argumenten setzten sich die aufkommende Ziegelindustrie und der untergehende
Lehmbau im 19. Jh. auseinander. Aber der Lehmbau hatte keine Chance, dem mit
der Industrialisierung rasch wachsenden Bedarf an Gewerbe-, Fabrik-,
Ver-kehrs-, Verwaltungs-, Schul-, Krankenhaus-, Kirchen- und nicht zuletzt
Wohngebäuden gerecht zu werden.
In Berlin hatte das bis dahin
übliche eingeschossige Wohngebäude aus örtlichen vorhandenen
Baumaterialien Holz und Lehm mit Dächern aus Stroh, Rohr, oder
Holzschindeln bereits nach zwei großen Brandkata-strophen am Ende des 14.
Jh. eine Veränderung erfahren. Fachwerkhäuser wurden mit gebrannten
Mauerziegeln ausgefacht, und es entstanden die ersten Wohngebäude aus
Backstein. Die Städte Berlin und Cölln bauten eigene Ziegeleien, weil
der Bedarf an Backsteinen ständig stieg. Sie glichen den Mangel an
natürlichen Bausteinen in der Mark Brandenburg aus.
Die Berliner
Architektur beruht seitdem auf dem Backsteinbau mit Putzfassade, wie sie dann
in den Mietshausbauten des 19. Jh. fortgesetzt wird und noch heute in der Stadt
des ausgehenden 20. Jh. allgegenwärtig ist. Die technische Voraussetzung
für die Massenfertigung von Gebäuden war die fabrikmäßige
Fabrikation von Ziegeln. Sie wurde mit der Erfindung von Ziegelmaschinen und
Ringofen zwischen 1850 und 1860 und mit der Einfuhr von Kohle in ausreichender
Menge möglich.
Der erste Ringbrennofen wurde 1858/59 bei Stettin
erbaut; Ende 1873 gab es in der Provinz Brandenburg bereits 150 Ringöfen,
die jährlich 500 Mio. Ziegelsteine lieferten. Die benötigte
Ziegelerde stand in der näheren Umgebung Berlins ausreichend zur
Verfügung.
Der Lehmbau war als moderne
Bauweise völlig vergessen, als Berlin 1877 Millionenstadt wurde. Er lebte
in der Erinnerung als traditionelle Technik fort und wurde erst wieder in den
Jahren der Not nach dem Ersten Weltkrieg zu einem aktuellen Thema.
Wohnungsnot, Flüchtlingselend, Wirtschaftskrise und Geldentwertung als
Folgen des verlorenen Krieges brachten den Lehmbau wieder ins Gespräch,
aber nicht als moderne, sondern als eine sparsame und weitgehend mit den
"eigenen Händen" realisierbare Bauweise. Es entstanden Vereine und
Verbände zur Propagierung dieser ökonomischen Bautechnik, und in
Deutschland wurden schätzungsweise 20.000 neue Lehmhäuser gebaut.
In diesem Zusammenhang wurden auch erste wissenschaftliche Untersuchungen
des Baustoffs Lehm durchgeführt. Bis in unsere Region war der
Einfluß der späteren Beratungsstelle für Naturbauweisen in
Sorau/Niederlausitz, 60 km östlich der Oder, zu spüren. Sie gab ein
als Manuskript gedrucktes Nachrichtenblatt heraus, das schon bald umbenannt
wurde in "Bauwirtschaftliche Mitteilungen des Deutschen Ausschusses für
wirtschaftliches Bauen und des Deutschen Ausschusses zur Förderung der
Lehmbauweisen". Die Akteure dort waren Richard Wagner und Stadtbaurat Wilhelm
Fauth. Ihr Engagement für den Lehmbau ging Hand in Hand mit ihrem Einsatz
für genossenschaftliches Bauen.
In Sorau - heute Zary - entstand 1920
bis 1922 eine Siedlung mit rund 60 Häusern. Zwei kleinere Siedlungen
wurden am östlichen Stadtrand Berlins in Neuenhagen und in Zepernick bei
Berlin-Buch errichtet . An den meisten dieser Häuser fällt das runde
holzsparende "Gillysche Bohlenbinderdach" auf, das zudem den Vorteil
größerer Raumfreiheit für den Dachausbau bietet. Besonders bei
den 30 Zepernicker Häusern wurden unterschiedliche Lehmbauweisen
angewandt, vom Stampflehmbau über den Lehmblockbau bis zur Verwendung
luftgetrockneter Steine, die wegen Brennstoffmangel ungebrannt in den
Ziegeleien standen. Noch heute, über sieben Jahrzehnte nach ihrer
Fertigstellung, schwärmen viele Bewohner von der Behaglichkeit ihrer
Häuser.
Ebenfalls bis heute wirkt in Ostwestfalen die Initiative
Pastor G. Bodelschwinghs fort. Er führte dort den preisgünstigen und
in Selbsthilfe durchführbaren Hausbau nach dem "Dünner
Lehmbrote-Verfahren" ein. Über 350 Häuser werden von 1923 bis 1949 im
Umkreis von Bethel bei Bielefeld nach einer aus Ostafrika entlehnten Technik
gebaut. Dabei wurden brotförmige Lehmballen feucht im Mauerwerksverband
vermauert. Die Häuser sind bis heute funktionstüchtig. Diese
Lehmbauaktivitäten waren Kinder großer kriegsbedingter
wirtschaftlicher Not. Das gleiche trifft auf die Bemühungen des
nationalsozialistischen Deutschland zu, den Lehmbau als eine rohstoff- und
industriearbeitsparende Bauweise für ein Notprogramm zur Unterbringung
Ausgebombter zu funktionalisieren.
1944 erschien eine "Behelfsfibel
für den Lehmbau" und eine "Lehmbauordnung" . Der Lehmbau, als Behelfs- und
Ersatzbauweise unter den Bedingungen des "totalen Krieges" und auf diese Weise
als letzte Rettung propagiert, wurde dadurch dem allgemeinen Bewußtsein
ein weiteres Mal als Not-und-Elend-Technik bekannt.
3. Phase: Neubeginn mit Lehm - aus Not (nach 1945)
Angesichts von Kriegsschäden, Baustoffknappheit und Flüchtlingen aus
den ehemals deutschen Ostgebieten war die Unterbringung von vier Millionen
Umsiedlern in der SBZ/DDR eine äußerst schwierige Aufgabe. Der
Lehmbau als Nothelfer war wieder (oder weiter) gefragt. Auf gesamtdeutscher
Ebene wirkte der Deutsche Ausschuß für Lehmbau (DAL) im Deutschen
Normenausschuß mit seinem Vorsitzenden Baudirektor Köster aus
Hamburg, der auch das gemeinnützige "Institut für
zeitgemäßes Bauen" in Rodenberg leitete. Der DAL veranlaßte
die Aufstellung einer Reihe von Normblatt-Entwürfen, die bisher gemachte
Erfahrungen im Lehmbau zusammenfassen sollten. Landesweit aktiv war auch der
"Hessische Lehmbaudienst", geleitet von Baurat Wilhelm Fauth, eine der
Lehmbauautoritäten im Lande. Unterstützung erhielt der Lehmbau auch
von den Professoren Finger und Miller von der Hochschule für Baukunst
Weimar. Natürlich konnten sich diese Lehmbauaktivitäten nicht von der
politischen Entwicklung abkoppeln; mit zunehmender Spaltung trennten sie sich.
Die für die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) und spätere DDR
entscheidenden Lehmbauaktivitäten gingen vom Befehl 209 der Sowjetischen
Militäradministration Deutschland aus. Er wurde nach eingehenden
Beratungen mit den "demokratischen Parteien und Massenorganisationen" am
9.9.1947 erlassen und schrieb allein für 1947/48 vor, 37.000
Neubauerngehöfte zu errichten, davon 40 % in Naturbauweisen. Dies war der
Beginn des Bodenreform-Bauprogramms in der SBZ. Die Baufinanzierung im Rahmen
der Bodenreform erfolgte mit staatlichen Krediten - i.d.R. 8000 Mark für
die völlig mittellosen Umsiedler. Die Baukosten sollten auf 10.000 Mark je
Typenhaus beschränkt bleiben, um Staatshaushalt und Neubauern nicht
übermäßig zu belasten (Kredite mit 3 % Zins und 1 % Tilgung).
Dies erklärt auch das hartnäckige Sträuben der staatlichen
Administration gegen jede von den Bauern gewünschte
Vergrößerung dieser ziemlich ungeeigneten Gebäude. Erst nach
langem Hin und Her wurde den Bauern eine Vergrößerung sowie der
Einbau einer vorderen Stallwand in Eigenverantwortung bewilligt, wenn sie
dafür keine Kreditmittel beanspruchten.
Der Zweijahresplan der SBZ/DDR
1948-1950 sah den Bau von 200.000 Neubauernwirtschaften vor; Bauträger
waren die Landessiedlungs- gesellschaften. 1948 wurden 30.000 Gehöfte
gebaut, 1949 waren 75.000 geplant. Auf Forderung der Hauptverwaltung Land- und
Forstwirtschaft sollten 45 % (28.800) dieser Gebäude aus "örtlich
vorhandenen" Baustoffen - Natursteine, Trümmer oder Lehm - errichtet
werden. Ab 1950 wurde in der DDR Lehm verstärkt für den
zweigeschossigen Wohnungsbau eingesetzt, denn extremer Mangel an Baustoffen -
es fehlten Ziegel, Beton, Stahl und Holz - förderte das Interesse der
Behörden am Lehmbau.
Jedes Land entwickelte Lehmbau-Typenhäuser
für Neubauernwirtschaften. Man erprobte Techniken, und für den
kostengünstigsten Lehmbau wurde ein Preis ausgeschrieben. Baukosten einer
typisierten Einheit waren mit etwa 10.000 Mark angegeben. Bis 1952 wurden
17.300 Lehmbauten mit Gesamtbaukosten von 125.000.000 Mark errichtet. Die
Typenhäuser vereinigten meistens Wohnung (kleiner als 50 m2), Stall und
Scheune unter einem Dach.
Als Zentraleinrichtung
der SBZ/DDR bestand der in der Kammer der Technik organisierte
Fachausschuß Lehmbau (seit 1949: Fachausschuß für
Naturbauweisen). Jedes Land hatte einen eigenen Fachausschuß und betrieb
auch eine "Lehr- und Beratungsstelle für den Lehmbau". Letztere wurden von
den Landesregierungen und von den Hauptabteilungen Aufbau (Bauwesen)
finanziert; verwaltet wurden sie von den Wirt-schaftsministerien der
Länder. Die Lehr- und Beratungsstellen hatten die Aufgabe der
Bauüberwachung und unterhielten jeweils eine Lehmbauschule zur Ausbildung
von Lehmbaupolieren, Lehmbauführern und Ar-beitskräften. Man
bemühte sich auch um die Auswahl und Ernennung von
Lehmbausachverständigen, die die Behörden im Genehmigungsverfahren
beraten sollten. Die Lehr- und Beratungsstellen für den Lehmbau befanden
sich in Güstrow (Mecklenburg), Werneuchen bei Berlin (Brandenburg),
Wallwitz bei Halle (Sachsen-Anhalt), Weimar-Oberweimar (Thüringen),
Dresden (Sachsen).
1958 wird auch eine Lehr- und Beratungsstelle in
Neubrandenburg erwähnt. Die Beratungsstelle für Brandenburg in
Cottbus hieß "Lehr- und Versuchsstelle für den Lehmbau" und wurde
von Richard Wagner geleitet, einem der Alten aus der Lehmbaugilde, zudem Leiter
des zentralen Fachaus-schusses Lehmbau der Kammer der Technik. Doch scheint das
Konzept einer zentralen labormäßigen Materialprüfung und
theoretischer Kurzlehrgänge (1200 Besucher wurden geschult) nicht
aufgegangen zu sein, da man die Einrichtung unmittelbar nach Wagners Tod im
April 1949 schloß, obwohl mit Baurat Wilhelm Gutzeit ein qualifizierter
Nachfolger zur Verfügung stand. Erst später wurde wieder eine
Beratungsstelle für Brandenburg in Werneuchen eröffnet, geleitet von
dem Lehmbaupraktiker Otto Weste.
Als Baubeispiele
dieser Zeit sind erhalten: in Mittenwalde, Harzfelder Straße, gut 20
Siedlerhäuser mit mindestens drei unterschiedlichen Grundrißtypen.
Ein Großteil dieser Häuser wurde in Stampflehmbauweise gebaut, die
Giebelwände allerdings meist gemauert Diskussionen entfachte erneut die
Putzfrage. Zunächst wurden Steinleisten, später gebrannte Schalen als
Putzleisten zur besseren Haftung mit eingestampft. Fauth propagierte die
Lehmvorsatzschale, ein Strohlehmgemisch mit Zementzugabe. Ab 1956 wurde
empfohlen, Kalkzementputz zu benutzen. Die daraus resultierenden
Putzschäden sind eine Folge des in Vergessenheit geratenen Denkens in
"harten" und "weichen" Baustoffen.
Es mußte von den neuen
Lehmbaupraktikern, die in der Bundesrepublik im Zuge der Ökologiebewegung
ihre Erfahrungen sammelten, erst wieder aufgefrischt werden. Aber das ist eine
andere Geschichte. Burkard Rüger