aus: Lehmarchitektur - die Zukunft einer vergessenen Bautradition Jean
Dethier AUSSTELLUNG im Centre George Pompidou, Paris
1981 und im Deutschen Architekturmuseum
Frankfurt/Main 1982
Seit der Zeit, als die Menschen vor fast zehntausend Jahren die ersten geschlossenen
Siedlungen errichteten, war die Lehmerde, entsprechend den geschichtlichen und
volkstümlichen Traditionen, einer der ersten Baustoffe, die auf unserem
Planeten verwendet wurden - und ist es bis in unsere Zeit geblieben. Denn
mehr als ein Drittel der Erdbevölkerung lebt heute noch in Lehmbauten.
Schon in der Antike machte man in Mesopotamien und im Ägypten der
Pharaonen reichen Gebrauch von diesem Material. In Europa, in Afrika und im
Mittleren Osten bauten die Römer und später die Moslems mit Lehm; in
Asien verwendeten ihn die Indus-Völker, die buddhistischen Mönche
oder die chinesischen Kaiser, die Indianer im Süden Nordamerikas, die
Tolteken und Azteken in Mexiko und die Mochica in den Anden. Nach der
Eroberung Süd- und Mittelamerikas durch die Spanier verschmolzen die
europäischen Techniken der Erdbauweise mit den einheimischen Traditionen,
während in Afrika die Meisterschaft darin von so verschiedenen Kulturen
erreicht wird wie den Berbern, den Dogon-Stämmen, den Aschantis, den
Bamileken, den Haussa, den Völkern in den Königreichen von Ife und
Dahomey und den Kaiserreichen von Ghana und Mali. Verschiedene Kulturen
haben ganze Städte in Lehmbauweise errichtet, von denen auf der Welt nur
einige archäologische Zeugnisse erhalten geblieben sind: Jericho, das vor
rund zehntausend Jahren erbaut wurde, Catal Hüyük in der Türkei,
Harappa und Mohenjo-Daro in Pakistan, Achet-Aton in Ägypten, Chan-Chan in
Peru, das berühmte Babylon im Irak, Medina Azzahra in der Nähe von
Cordoba in Spanien, Khirokifia auf Kreta. Auf den antiken Fundamenten sind
bisweilen neue Städte errichtet worden, in denen die Erdbauweise
beibehalten wurde; ein Beispiel dafür ist Lugdunum, die Hauptstadt des
römischen Gallien, aus dem sich Lyon, die drittgrößte Stadt
Frankreichs entwickelte. Viele der während der spanischen Eroberung in
Amerika entstandenen Städte bezeugen noch jetzt die Verwendung der
Lehmbauweise, wie zum Beispiel Santa Fe, die Hauptstadt des Staates New Mexico
in den USA. Lehmdörfer existieren in den Vereinigten Staaten, und vor
allem zu Tausenden in ganz Europa: in den trockenen Regionen Spaniens und
Italiens ebenso wie in den regenreichen Gebieten von England, Deutschland,
Dänemark und Schweden. In Frankreich, wo mindestens fünfzehn Prozent
der erhaltenen ländlichen Bausubstanz diese Tradition aufweist. In der
Tat baute man mit Lehmerde im 7. Jahrhundert vor Christus den berühmten
Turm von Babel, dessen sieben Stockwerke die Höhe von neunzig Metern
erreichten: Der erste Wolkenkratzer der Menschheit bestand aus Lehmerde! Dieser
Turm hat den sozialen Katastrophen, deren Symbol er ist, nicht standgehalten.
Doch zeugt die berühmte Chinesische Mauer, die, wie bekannt, am Anfang des
3.Jahrhunderts vor Christus in langen Abschnitten aus Lehmerde errichtet wurde,
noch heute - mit vielen anderen Denkmälern - von der Festigkeit dieses
Materials. Aus diesem Grund haben sich viele Städte überall in
der Welt zu ihrer Verteidigung mit Mauerringen aus Lehmerde umgeben: von
Jericho, das wir schon erwähnt haben, bis zu der in neuerer Zeit
errichteten Stadt Tiznit, die 1882 in Marokko entstand und zweifellos die
letzte ist, die von derartigen Schutzmauern Gebrauch gemacht hat. Die
Festigkeit und Dauerhaftigkeit des Lehms wurden von zahlreichen
Heerführern von alters her bis zu unseren Tagen ausgenützt. Der
römische Schriftsteller Plinius der Ältere berichtet, daß sich
Hannibal dieses Baustoffs um 219 vor Christus in Spanien bediente. Die
amerikanische Armee nahm während des Zweiten Weltkrieges die
Fähigkeiten des militärischen Ingenieurkorps in Anspruch, um
Absperrungen, Gebäude und Flugpisten aus Lehmerde zu
errichten.
Kunstvoll und
vollkstümlich Auch die Mächtigen
dieser Welt wußten die architektonischen Qualitäten der Lehmerde von
der Antike bis in unsere Tage zu schätzen. Unter den unzähligen
Gebäuden, die Machthaber aller Art völlig oder zum Teil mit Lehmerde
bauen ließen, seien nur folgende erwähnt: der Palast des Königs
Minos in Knossos auf Kreta (2000 v. Chr.), der Palast der Statthalter zu Mari
in Mesopotamien (1900 v. Chr.), der Palast des Pharao Amenophis III. in
Achet-Aton in der Nähe von Theben (1400 v. Chr.), die Überreste des
Palastes des Raqchi in Peru (1450), der Bedi-Palast in Marrakesch (1578), die
Residenz des Dalai Lama in Tibet und die des Emirs von Daura in Nigeria (1780),
der Palast des Gouverneurs von Santa Fe in den USA (1609) und schließlich
die in jüngster Zeit erbaute Sommervilla eines amerikanischen
Holzindustriellen in Taos, ebenfalls in den USA (1980). Aber der Lehmbau
ist keineswegs auf besondere soziale Schichten beschränkt:
Traditionsgemäß verwendeten ihn alle gleichermaßen; daher
machen ländliche und städtische Wohnhäuser den
größten Teil der in diesem Baustoff errichteten Gebäude aus.
Dies gilt für die Gegenwart ebenso wie für die Vergangenheit. So
hat sich ein kunstvolles und gleichzeitig populäres Verfahren entwickelt,
mit diesem Material umzugehen. Es hat sich zu einer beeindruckenden Vielfalt
von Funktionen und Formen entfaltet, in welchen sich die kulturellen
Besonderheiten der Erbauer ausdrückten. In kalten Gegenden ebenso wie in
den heißesten Regionen, von Skandinavien bis zum Äquator und bis
Südafrika zeigt sich die Lehmbauweise dem jeweiligen Klima angepaßt.
Wenn dieses Material geschickt verarbeitet wird, bietet es durch seine
Eigenschaft gute Wärmeisolation und -speicherung, einen geschätzten
Komfort, und sorgt für einen natürlichen Ausgleich zwischen
Außen- und Innentemperatur.
Bauweisen
Man hat auf der
ganzen Erde ungefähr zwanzig traditionelle Baumethoden gezählt, die
die Anwendungsmöglichkeiten der Lehmerde ausnützen. Trotzdem
unterscheidet man neben verschiedenen regionalen Varianten zwei Hauptverfahren.
Eines ist das Bauen mit Stampferde, "pise de terre" (eine
französische Wortschöpfung lateinischen Ursprungs, die erstmals 1562
in Lyon belegt ist). In dieser Bauweise werden Mauern von mindestens einem
halben Meter Stärke errichtet, wobei man den Lehm zwischen den zu beiden
Seiten angebrachten Schalungen feststampft, die man allmählich beim
Fortschreiten der Arbeit entfernt. Die andere Methode ist die Verwendung
von Adoben, das heißt von Lehmziegeln. Der Name leitet sich von "adobe"
her: Ein arabisches und von den Berbern gebrauchtes Wort, das ins Spanische
aufgenommen wurde und dadurch nach Süd- und Nordamerika gelangte, wo es
wiederum ins Englische assimiliert wurde. Es bezeichnet in der Sonne
getrocknete Lehmziegel (nachdem der Lehm zuerst in Modeln gepreßt worden
ist), die dann in klassischer Weise für den Bau von Mauern oder - was eine
ausgefeiltere Technik erfordert - für die Errichtung von Gewölben
oder Kuppeln (mit oder ohne Verschalungen) verwendet werden.
Traditionsgemäß wird in beiden Fällen die Lehmerde
sorgfältig entsprechend ihrer Beschaffenheit und
Körnungszusammensetzung ausgewählt; für den Lehmziegel wird der
Lehm mit Wasser und Pflanzenfasern - meist zerkleinerten Strohhalmen -
vermischt. Da sich die traditionellen Lehmbauten als sehr erosionsanfällig
erwiesen, hat man schon vor langer Zeit Gegenmaßnahmen erdacht. Eine
englische Volksweisheit drückt dies in einem einzigen Satz
aus: "Wenn ein
Lehmhaus jahrhundertelang halten soll, muß es einen guten Hut und feste
Stiefel haben." Das heißt: ein breites vorkragendes
Dach, um die Hauswände vor Regen zu schützen, und ein steinernes
Fundament, um Erosionsschäden der Grundmauern durch rinnendes Wasser oder
durch aufsteigende Feuchtigkeit vorzubeugen.
Geistigkeit und Sinnlichkeit
Bei den einfacheren Formen der Behausungen sind die Lehmmauern zu
ihrem Schutz meist mit einem Putz überzogen, der ebenfalls aus Lehmerde
besteht. Traditionsgemäß wird er jedes Jahr nach der Regenzeit in
einem feststehenden Ritual erneuert. Das auf diese Weise entstehende
Erscheinungsbild kann unendlich viele Variationen aufweisen: Durch die
schöpferische Phantasie jedes einzelnen Besitzers erhalten die Mauern
ihren Formenreichtum, ihre strukturelle Vielfalt und ihre Sensualität. Die
Lehmbauweise gestattet es nämlich, daß die Materialität und die
Geistigkeit des Bauens eine Einheit bilden. Denn dieses Material
ermöglicht die Gleichzeitigkeit und Synthese des Bauprozesses und der
künstlerischen Ausschmückung. Die Freude der traditionellen Kulturen
am Ornament - ein Zeichen ihrer Lebenskraft - drückt sich in den
Dekorationen der Lehmarchitekturen aus: Als Ritzzeichnung oder Relief sind sie
von Fall zu Fall abstrakt, zeichenhaft, geometrisch, symbolisch oder figurativ.
Die Modellierung des Lehms erlaubt eine sehr reiche plastische Formensprache,
in der die tiefsten, schöpferischen Impulse wirksam werden. Bei bestimmten
Völkern Afrikas und des Mittleren Ostens zeigt die Lehmbau-plastik die
Lust an der Rundung und entfaltet Erotik und Sinnlichkeit der Formen. Die
Lehmerde, das fruchtbarste Element auf unserem Planeten, wird hier zum Symbol
des Weiblichen. In anderen Gebieten wird sie Ausdruck einer männlich
betonten Architektur: Die Errichtung von Häusern und Minaretten geschieht
hier sozusagen in einer Art "tour de force" die erreichte Höhe
beträgt oft acht Stockwerke, das heißt ca. dreißig Meter."
Der industrielle
Schock In der modernen Zeit hat die
Lehmarchitektur, entsprechend dem wirtschaftlichen und demographischen
Fortschritt, in den einzelnen Kontinenten eine unterschiedliche Entwicklung
genommen. In den an der Schwelle der Industrialisierung stehenden Ländern
der Dritten Welt findet sie weiterhin in großem Umfang dort Verwendung,
wo es sie traditionsgemäß schon immer gab, da die Armut
überhaupt keine andere Wahl zuließ. Überdies lebt die
Bevölkerung dort in der Mehrheit in ländlichen und abgeschiedenen
Gebieten, und die steigende Zunahme der Einwohnerzahl führt dazu, auf den
individuellen Eigenbau mit den an Ort und Stelle zur Verfügung stehenden
Materialien zurückzugreifen. Trotzdem sich in einigen Regionen wieder ein
Rückgang anbahnt, ist, global gesehen, festzustellen, daß die
Lehmbauweise in der Dritten Welt anhält, wenn nicht sogar generell im
Anwachsen begriffen ist. Doch in den in jüngster Zeit durch die
Erdölproduktion reich gewordenen Ländern ist dies nicht mehr der
Fall: Dort ist der Lehmbau schon beinahe verschwunden und wird durch die
schrankenlose Nachahmung importierter westlicher Architekturformen und
Technologien ersetzt. In den Vereinigten Staaten waren die indianischen und
spanischen Traditionen des Luftziegelbaus im Südwesten bis ins 19.
Jahrhundert sehr lebendig, in New Mexico ebenso wie in Kalifornien und den
verschiedenen Nachbarstaaten: Sie haben dort auf unerwartete Weise den
Prozeß der Industrialisierung überlebt. Von 1890 bis 1940 erlebten
diese traditionellen Bauweisen in mehreren Ansätzen stilistische
Erneuerungen - manchmal authentisch, manchmal mit parodistischen Elementen
durchsetzt-, die ihren Fortbestand bis zur Energiekrise des Jahres 1973
sicherten. Diese brachte vor allem im Staat New Mexico eine Renaissance der
Lehmarchitektur mit sich. In Europa erhielt sich die Praxis der
Lehmbauweise in den Städten - zum Beispiel in Frankreich in Lyon -
für Häuser von Arbeitern und Bürgern bis zum Ende des
19.Jahrhunderts. Bei Feldzügen wurde sie sogar noch im Zweiten Weltkrieg
angewendet. Europäische Auswanderer führten Stampferde und
luftgetrocknete Lehmziegel am Anfang des 19. Jahrhunderts auch in Australien
ein, wo sie sich in weitem Umfang durchgesetzt haben. Die Lehmbauweise ist hier
durch technische Verbesserungen noch weiterentwickelt worden.
Cointeraux und Fathy: Rationalisierung Es waren vor allem die Arbeiten und Schriften des
französischen Architekten Francois Cointeraux (geboren 1740 in Lyon), die
1823 in Australien, davor 1806 in den Vereinigten Staaten, in Dänemark und
Deutschland, und bereits 1790 in Italien das Interesse für moderne
Lehmarchitektur geweckt hatten. Während der Französischen Revolution,
1789, erfand Cointeraux eine neue Lehmziegel-Technik, bei der Lehmziegel durch
eine mechanische Presse produziert wurden, die er unter dem Namen "La Crecise"
patentieren ließ. Die sehr sorgfältig hergestellten und in
große Formate gepreßten Ziegel nannte er "Pierres Factices"
(Kunststeine), das Verfahren selbst etwas irreführend "Nouveau Pise".
Diese Rationalisierung der überkommenen volkstümlichen
Traditionen seiner Gegend wollte er in den Dienst der neuen Gesellschaft
Frankreichs stellen und damit ihren Bedürfnissen entgegenkommen. Mit
seinen neuen Ziegeln entwarf er Stadthäuser wie Landhäuser, die den
Ansprüchen verschiedener sozialer Schichten gerecht wurden, ebenso
Bauwerke, die der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes dienten: von
landwirtschaftlichen Nutzbauten bis zu Industriebetrieben. Wie er sagte,
»ist die kostbare Kunst der Herstellung von Stampferde für eine
aufgeklärte Nation ein sicheres Mittel, Landwirtschaft, Handel und
Industrie florieren zu lassen«. Um seine Ideen zu verbreiten, unternahm
Cointeraux beträchtliche Anstrengungen. Innerhalb von vierundzwanzig
Jahren gab er mehr als fünfzig Schriften heraus, in denen er auf
polemische Weise die Wahl dieser Bautechniken zum Nutzen der neuen Gesellschaft
rechtfertigte.
Cointeraux und Fathy:
Gleicher Kampf Mit allen Mitteln versuchte
Cointeraux, seine Zeitgenossen zu überzeugen, indem er gegen die
Vorurteile gegenüber der Lehmarchitektur ankämpfte. Einen
ähnlichen Kampf führte der ägyptische Architekt Hassan Fathy im
Jahr 1946, hundertsechzehn Jahre nach dem Tod von Francois Cointeraux. Berufung
und Leben dieser beiden Männer haben eine erstaunliche Ähnlichkeit:
In ihren Ländern begleiteten ihre Initiativen die Anfänge der
industriellen Ära. Beide widmeten ihr langes Leben der Verteidigung und
Demonstration von Architekturen, die von den im Volk lebendigen traditionellen
Methoden sowie dem Genius loci inspiriert waren. Beide versuchten diese
Methoden wiederzubeleben und zu rationalisieren. Um ihre sozialreformerischen
Ideen durchzusetzen, polemisierten sie auf alle mögliche Weise, gingen
beide sogar so weit, engagierte Theaterstücke zu schreiben. Der eine
gründete in Grenoble und später in Paris Architekturschulen, der
andere in Kairo ein internationales Forschungsinstitut für angewandte
Technologien. Beide genossen die Unterstützung von aufgeklärten
Aristokraten, dem Duc de Charost und Aga Khan. Obwohl sie beide nicht viel
Gelegenheit hatten, ihre Ideen in die Realität umzusetzen - heute sind nur
wenige bedeutende Spuren ihres architektonischen uvre erhalten -, wurden
sie doch beide wegen der Außergewöhnlichkeit ihrer Werke ins Ausland
berufen: der eine seinerzeit nach England, der andere 1981 in die Vereinigten
Staaten. Dort machten sie auch jeweils Schule, dort verbreiteten ihre
Schüler ihre Ideen. Den gemeinsamen Nenner dieser beiden Pioniere bildete
die unablässige Bekämpfung der Vorurteile und des
Unverständnisses, das ihnen von ihren Zeitgenossen und vor allem von den
Politikern ihres Landes entgegen schlug.
Vorurteile Auf der Basis
einer jahrtausende alten Lehmpyramide, die in der Nähe von Kairo von
König Asydis erbaut wurde, findet sich noch heute die Inschrift:
»Verachte mich nicht, wenn du mich mit den Steinpyramiden vergleichst.
Ich stehe so hoch über ihnen wie Jupiter über den anderen
Göttern, denn ich bin mit Ziegeln aus dem Schlamm' vom Grunde des Sees
erbaut.« Seit jener Zeit schon bestehen also die Vorurteile
gegenüber dem Lehm als Baustoff, und sie wurden seither immer von neuem
bekräftigt, indem man behauptete, diese Bauten seien ärmlich oder
wenig widerstandsfähig, altmodisch oder zu wenig ausgearbeitet. Eine
unvoreingenommene Analyse der vorhandenen Zeugnisse dieser Architektur beweist
jedoch häufig das Gegenteil. Die Lehmarchitektur ist durchaus
zuverlässig und dauerhaft. Sie bietet auch für die Zukunft die besten
Voraussetzungen. Trotzdem müssen gewisse Einschränkungen gemacht
werden, die auf einigen Schwächen der traditionellen Lehmbauweisen
beruhen: Der Lehm ist sehr anfällig gegenüber Wasser, das in der Tat
den Gebäuden schwere Schäden zufügen kann. Schon vor langer
Zeit wurden Lösungen gefunden, um dieser Gefahr zu begegnen, wie die
beträchtliche Substanz an Lehmbauten in so regenreichen Ländern wie
Frankreich und England beweist. Der wissenschaftliche und technische
Fortschritt der modernen Zeit hat jedoch noch weit wirksamere Verfahren
entwickelt. Man ist bestrebt, eine verfestigte Lehmerde zu verwenden und
erreicht dies durch den Zusatz verschiedener Materialien (Bitumen Produkte,
Zement, usw.), die die Widerstandsfähigkeit und
Wasserundurchlässigkeit beträchtlich verbessern. Einfache, manuell zu
betätigende, mechanische oder hydraulische Maschinen gestatten inzwischen
die Herstellung einer beliebig langen Reihe von Lehmziegeln, die bedeutend
fester sind, als jene, die einst mit der Hand in behelfsmäßigen
Holzmodeln gepreßt worden sind. Stroh als Armierung wird nicht mehr
verwendet, was sehr erheblich zur Hygiene beiträgt, da dadurch Insekten
ins Baumaterial eindrangen und sich Brutstätten von Mikroben breitmachten.
Durch neuzeitliche Untersuchungen über die Zusammensetzung des
jeweiligen Bodenmaterials können die intuitiven Maßnahmen der alten
Bauleute nun wissenschaftlich verifiziert werden. Vor allem ist eine
Verbesserung in der Wahl und Dosierung der Zusätze möglich geworden.
Die Technik der Herstellung von Stampferde wurde, wie schon gesagt, durch das
Pressen des Lehms mit Hilfe von maschinellem, hohem Druck rationalisiert, was
ein bedeutend wirkungsvolleres und schnelleres Verfahren darstellt, als das
mühsame manuelle Stampfen. So ist man bestrebt, die Vorzüge der
traditionellen Methoden mit modernen Erkenntnissen zu vereinigen. Andere
Forschungsvorhaben zur Verbesserung des Lehmbaus sind in Peru und in den
Vereinigten Staaten im Gange: Sie zielen unter anderem darauf, eine
Konstruktionsmethode für den Lehmbau zu schaffen, die die Gefahren durch
Erdbeben vermindern.
Vorbehalte Obwohl die alten
Vorbehalte gegenüber der Lehmbauweise auf technischem und materiellem
Gebiet fast keine Daseinsberechtigung mehr haben, sind doch noch viele
Widerstände wirtschaftlicher, psychologischer, kultureller,
institutioneller und politischer Natur bestehen geblieben. Aus wirtschaftlichen
Gründen werden sie bewußt aufrechterhalten, da viele
Großindustrielle oder multinationale Konzerne, die moderne Baumaterialien
produzieren, oder entsprechende lnstitute, die sich für deren Verwendung
in großem Umfang einsetzen, ihren eigenen Markt zu schützen bestrebt
sind. Seit mehr als einem halben Jahrhundert verwendet die orthodoxe
zeitgenössische Architektur vorrangig Beton. Stahl, Aluminium und
Kunststoffe und begünstigt auf diese Weise die Entstehung industrieller
Monopole, die. um den Markt auszuschöpfen, in Produktionsziffern von
gigantischer Größenordnung denken, wobei der anfallende
Energiebedarf und die Verschmutzung der Umwelt bekanntlich sehr hoch
sind.
In Frankreich gab es 1981 nur ein
einziges kleines Unternehmen, das versuchte, die Errichtung von
Wohnhäusern in Lehmbauweise wiederzubeleben, nur eine einzige
Architekturschule, wo man sich seit 1979 mit diesem Baustoff beschäftigt,
und eine einzige Firma, die Lehmziegel herstellt. In Frankreich hat man wie in
zahlreichen anderen Ländern den Beruf des Stampferde-Herstellers, von
denen es vor vierzig Jahren noch Tausende gab, aussterben
lassen.
Technologischer Optimismus und
Enttäuschungen Man erlebt heute
erstaunliche geistige Wandlungsprozesse bei bedeutenden Personen, denken wir
nur an Nathaniel Owings, einen sehr berühmten amerikanischen Architekten
(Begründer einer der größten multinationalen Baufirmen in der
Welt, (Skidmore, Owings and Merrill), dessen Bauten oft als Symbol des Triumphs
des "Internationalen Stils" angesehen werden. Für sein eigenes Haus griff
er jedoch auf eine Methode zurück, die im Gegensatz zu seiner sonst
angewandten Bauweise steht: Er baute es aus Lehmerde und sagt dazu: "Dieses
Haus wurde mit natürlichen Materialien anstatt industriellen Produkten
errichtet. Man kann ohne weiteres ein gutes Haus aus Luftziegeln bauen und ich
will es als Reaktion gegen den mechanischen Geist, der in der allgemeinen
Praxis herrscht, tun". Der technologische
Optimismus stößt in zunehmendem Maß auf Einwände, und die
Bilanz seiner Anwendungen erweckt mehr und mehr Zweifel und Fragen. Die daraus
folgende Desillusionierung führt allmählich zum Verzicht auf viele
damals entworfene, megalomane Projekte: riesige Staudämme, gigantische
Öltanker und andere Megastrukturen. "Modernität um jeden Preis" kommt
in jeder Hinsicht zu teuer, zumal ihre oft sehr hohen sozialen Kosten fast nie
zu berechnen sind. So erweist sich der angeblich moderne Funktionalismus,
dessen Vorteile man so gelobt und dem man so viel geopfert hat, oft als
illusorisch und in gewissen Bereichen als unwirksam. Seit jenen siebziger
Jahren erscheint der besessene Fortschritts-Rausch wie eine Flucht nach vorn
und oft als soziale Verantwortungslosigkeit, die um so schwerer wiegt, da sie
gewöhnlich die Verachtung und Vernichtung der Traditionen mit sich bringt:
eine Art "Strategie der verbrannten Erde". In ihrer Euphorie hatten viele Bau-
und Projektleiter geglaubt, auf diese Traditionen völlig verzichten zu
können, hatten Tabula rasa mit allem gemacht, was uns die Geschichte
lehren könnte, und die Verbraucher gezwungen, ohne diese Traditionen
auszukommen. Dieser Fehler erweist sich jetzt als folgenschwer, und einige
fortschrittliche Politiker scheinen das bereits einzusehen.
Autonomien Eine wirkungsvolle
Synthese zwischen sogenannten traditionellen und sogenannten modernen Techniken
zu versuchen, bedeutet, einen neuen Weg einzuschlagen: Methoden zu
verwirklichen, die sich für unsere Bedürfnisse besser eignen und
für ihre Benutzer leichter anwendbar sind, damit diese den Gegenstand
beherrschen und nicht von ihm beherrscht werden. Ein solcher Versuch ist im
Wohnbau äußerst wichtig, sowohl in der Dritten Welt, wo die
traditionellen Verfahren noch gang und gäbe sind, als auch in den
westlichen Industrieländern, wo man versucht, sie wieder zu entwickeln, um
einen Bereich zu entbürokratisieren und zu demokratisieren, der allen
Menschen Möglichkeiten zur Eigeninitiative gibt. Einige Technologien
eignen sich besser als andere für ein solches Vorhaben, dazu gehört
in erster Linie die Lehmbauweise. In den Vereinigten Staaten wurden bis 1970
jedes Jahr 160 000 Häuser von den Bewohnern selbst gebaut', 1980 wurde im
Staat New Mexico die Hälfte der produzierten Luftziegel von Menschen
gekauft, die beabsichtigten, sich mit eigenen Händen ein Lehmhaus zu
errichten. Dieses hohe individuelle Engagement wurde bis jetzt sowohl in den
westlichen Industrienationen als auch in den Entwicklungsländern stark
unterschätzt. Der Lehmbau läßt ein direktes Eingreifen von
Einzelpersonen oder Gemeinschaften zu; er ermöglicht eine direkte und
unabhängigere Produktion als die bürokratisierten Bauindustrien. Im
erweiterten Sinne erlaubt es die Lehmbauweise als eine "angepaßte" sanfte
und vermittelnde Praxis dem Menschen, das materielle Stadium zu
überwinden, sich dieses Material in philosophischem Sinne ganz zu eigen zu
machen und seine soziale Dimension neu zu entdecken. Ivan lllich sagte:
». . . das Material ist in dieser Hinsicht so sozial und
anpassungsfähig, daß jeder es ohne Schwierigkeit benutzen kann, so
oft oder so selten er immer will, für Zwecke, die er selber bestimmt. Der
Gebrauch, den jeder davon macht, beschränkt die Freiheit der anderen
nicht, das gleiche zu tun. Das Material vermittelt zwischen dem Menschen und
der Welt, es gibt Richtungen an und wirkt als Träger von
Intentionen.« In diesem erweiterten ethischen Sinn können die
Qualitäten und die Chancen der Lehmarchitektur für die Zukunft
liegen.
Weder Sklave noch Herr
Die Lehmerde ist ein natürliches
Material, das in zahlreichen Regionen der Welt in Unmengen zur Verfügung
steht, weil die als Baustoff geeigneten Tone und Laterite 74 Prozent der
Erdkruste ausmachen'. Als solches erfordert es vielfach weder Kauf oder teuren
Transport noch kostspielige Aufwendungen für industrielle Verarbeitung. Es
gestattet also, den Zwängen eines Markts oder Handelsmonopols häufig
auszuweichen, ohne jedoch die Möglichkeit einer umweltfreundlichen
Produktion in dezentralisierten Serienherstellungen auszuschließen. Seine
Anwendung bedarf weder einer unter Kontrolle stehenden noch einer Kontrolle
ausübenden Wirtschaft. Sie ist eine Garantie für die Erhaltung des
ökologischen Gleichgewichts und bedeutet Ehrfurcht vor der Umwelt und dem
Leben. Die Vielfalt der Anwendungsmethoden ermöglicht die Wahl zwischen
einem großen, aber nicht spezialisierten Potential an
Arbeitskräften, traditionellen Systemen oder entwickelteren
Verfahrensweisen. Diese Wahl bleibt offen, um den individuellen Eigenbau oder
die Vollbeschäftigung in Regionen zu sichern, die eine starke
Arbeitslosigkeit aufweisen. Die Anwendung des Lehms kann zu einer
Demokratisierung der lokalen oder regionalen Initiativen und zu der
Verminderung der sozialen Ungleichheiten beitragen. Ihre lokalen Varianten
erlauben es, die Schwankungen der realen Bedürfnisse der Gesellschaft
besser zu bewältigen, ohne dabei Vermittler in Anspruch nehmen zu
müssen. Die Verwendung der Lehmerde stärkt die Unabhängigkeit
des einzelnen auf der Ebene der Gruppe oder der Nation, weil sie
ermöglicht, eine kulturelle, wirtschaftliche und energetische
Unabhängigkeit zu erlangen.
Genius
loci Zusätzlich zu den Vorzügen,
die das Material Lehm in poli-tischer, wirtschaftlicher, sozialer und
ökologischer Hinsicht aufweist, ist es für uns auch von kulturellem
und architektonischem Interesse. Die Vielfalt dieser Architektur und ihre
möglichen Konstruktionsformen bieten eine Garantie gegen jede Art von
kulturellem Machtanspruch sowie gegen eine Rückkehr zu den Schablonen des
"Internationalen Stils", denen wir seit einigen Jahren mit Mühe zu
entgehen suchen. Die Wieder Anwendung der Lehmbauweise könnte auch eine
vitale Eingliederung der Architektur in die unterschiedlichen Volkstums
Traditionen der einzelnen Gesellschaften erleichtern und dazu führen,
daß wir wieder lernen, die Bedeutung des unverwechselbaren Genius loci zu
verstehen, für uns nutzbar zu machen und auf diese Weise eine neue
Kontinuität zwischen der Geschichte, unserer Zeit und der Zukunft
herzustellen. Es gibt sehr viele lebendige Beweise für eine echte
Wiedergeburt der Lehmbauweise im Bereich der öffentlichen und privaten
Bauten, in der Dritten Welt genauso wie in Europa und den Vereinigten Staaten.
Energieeinsparung
Die Qualitäten der Lehmarchitektur erscheinen nunmehr in
jeder Phase des Baus für die Energieeinsparung relevant. Dieser Vorteil
ist auch deswegen wichtig,' weil die für Industrie oder Wohnungsbau
aufgewendeten Energien in den westlichen Industrienationen 20 bis 25 Prozent
des nationalen Verbrauchs ausmachen können. Für die Produktion von
Lehmziegeln ist im Vergleich zu anderen Baustoffen nur eine ganz geringe oder
überhaupt keine Energiemenge nötig. da sie nicht gebrannt werden (ein
Vorgang, der eine Brenntemperatur zwischen 900 und 1100 Grad erforderlich
macht) und durch ihre Herstellung in situ keine oder fast keine Transportkosten
benötigen. Die wärmespeichernde Eigenschaft der Lehmwände bringt
gleichzeitig eine Verringerung des thermischen Verlustes mit sich und erzeugt
das Gefühl der Behaglichkeit. Dieser rechnerisch nicht belegbare Eindruck
- da er auf psychologischen Komponenten beruht - enthüllt den kulturellen
Hintergrund des geistigen Prozesses, der die einen - häufig die
gesellschaftlich Privilegierten - dazu veranlaßt, die Lehmbauten wegen
ihrer Behaglichkeit und Wärme, Reinheit und umweltschonenden
Qualitäten zu schätzen und ihnen eine Ausstrahlung mütterlicher
Geborgenheit zuzuschreiben. während die anderen - häufig die
Ärmeren - ihre Verwendung oft als Archaismus empfinden, den sie als
Hindernis bei der Erreichung der materiellen Güter des modernen
\Fortschritts ansehen.
Nord-Süd-Dialog und ökologische
Entwicklung Um unsere Erfahrungen auf diesen
Gebieten besser auszuwerten, sind an verschiedenen Orten intensive
Untersuchungen durch kleine Forscherteams im Gange.- Sie stehen in einem
intensiven, aber selektiven Austausch mit anderen Institutionen. Dieser Einsatz
ist notwendig, handelt es sich dabei doch um den Übergang von einer
"FehlEntwicklung" zu einer ökologischen Entwicklung. In der Hoffnung auf
einen derartigen freien interregionalen Erkenntnisaustausch gibt es einige
skeptische Stimmen, die bezweifeln, daß die westlichen Industrienationen
von bestimmten technologischen Experimenten, die von Forschern in der Dritten
Welt unternommen wurden, Nutzen ziehen können. Wir wollen uns hier auf
zwei Beispiele, die das Gegenteil beweisen, beschränken. Die erste und
gleichzeitig berühmteste Maschine zur Herstellung von Ziegeln aus
stabilisierter Lehmerde, die Presse "CINVA-RAM" wurde 1957 in Kolumbien
erfunden und später bekanntlich durch eine französische Firma, die
die Teillizenz für die Fabrikation erworben hatte, in der ganzen Welt auf
den Markt gebracht.
Neue Bestimmungen
Sicher, die Lehmarchitektur kann und darf
nicht als Wunderlösung für alles angesehen werden. Unsere
Gesellschaft hat schon genug durch illusorische Versprechungen, die
aufeinanderfolgten, gelitten: »Unsere Zukunft liegt in der Kohle . . . im
Erdöl, in der Elektrizität, in der Atom-kraft«, so daß
sie diese anzweifelbaren und nicht an die Realitäten angepaßten
Schematismen nicht mehr akzeptieren kann. Ein »Unsere Zukunft liegt im
Lehm« wäre ebenso absurd. Es scheint jedoch, daß sich für
die Lehmbauweise neue Perspektiven eröffnen. Diese Entwicklung wird um so
faszinierender sein, als sie mit unvorgesehenen Wechselwirkungen zwischen
zahlreichen ökonomischen, industriellen, politischen, kulturellen,
gefühlsbedingten und psychischen Faktoren verbunden ist. Dieser
Prozeß erscheint bereits wie ein merkwürdiges Paradoxon unserer
Zeit: Im lndustrie-zeitalter geht ein fruchtbarer Impuls für die
Verbesserung von Methoden aus, die vor zehntausend Jahren erfunden, entwickelt
und mit denen die ersten Städte der Menschheit erbaut wurden, und die sich
dank der kontinuierlichen Überlieferung volkstürnlicher Traditionen
in den vorindustriellen Gesellschaften bis in unsere Zeit erhalten haben.